— wünscht ein gutes Wahlgesetz; worunter er gewiß ein so viel als möglich aristokratisches versteht. Dadurch aber, daß die preußische Regierung (und einige andere) das allgemeine Stimmrecht bewilligten und im vorigen, wie in diesem Jahre, danach wählen ließen, hat sie es unmöglich gemacht, hier einen entgegengesetzten Grundsatz durchzubringen. Jetzt meinen Viele, das Verlorene wieder zu gewinnen, wenn sie gegen den Gesetzentwurf stimmen, welcher direkte Wahlen beantragt. Viele sind nicht dieser Meinung. Der einfache, ungebildete Menschenverstand der Urwähler ist ihnen lieber, als die falsche Bildung der so oft verschrobenen Wahlmänner; das Verhältniß der Wähler und Erwählten bleibt bei direkten Wahlen (wie es sich gebührt) ein unmittelbares, wo Zurechnung und Abänderung nicht künstlich beseitigt wird. In allen Ländern, wo man es mit derlei Abstufungen versucht hat, ist man davon zurückgekommen u. s. w.
Mag ferner die geheime Abstimmung einzelne Vortheile, die offene einzelne Nachtheile haben, so ist Muth und Freiheit bei offener Abstimmung doch im Ganzen besser gewahrt und für Wahrheit und Charakter besser gesorgt, als wenn man ein Mittel vorschreibt, wobei die Feigen und die Lügner ihren Vortheil finden.
Ein Hr. H. (der sich einen Dichter nennt und auf seine Schönheit viel einbilden soll) hielt letzthin eine Lobrede auf die Weisheit und Begeisterung der Jugend bei politischen Rechten. Später, sagte er, heirathen die Leute, und sind dann abhängig und unglücklich: — dies erregte große Heiterkeit.
In Johnson’s Leben englischer Dichter finde ich folgende Stelle: Akenside certainly retained an unnecessary and outrageous zeal for what he called and thought liberty: a zeal which sometimes disguises from the world, and not rarely from the mind which it possesses, an envious desire of plundering or degrading greatness; and of which the immediate tendency is innovation and anarchy, an impetuous eagerness to subvert and confound, with very little care what shall be established.
Den 27. Februar.
Seit einigen Tagen ist das Wetter abscheulich und der Gang der Berathungen und Beschlüsse gleich melancholisch und niederdrückend. So war ich gestern von ¾9—¼5 in der Paulskirche und von 7–9 im Casino. Es entspann sich über die Mittheilungen der Regierungen an die Reichsgewalt eine Berathung, welche durch ganz unnütze namentliche Abstimmungen ermüdete, und in den Ergebnissen völlig nichtig war. Zudem fielen die Vorschläge, welche die sogenannten Gutgesinnten machten, zu Boden: erstens durch innere Mangelhaftigkeit, zweitens durch falsche Taktik; drittens durch Coalitionen der äußersten Rechten, der Linken, der Österreicher, Ultramontanen und Baiern. Gang und Ausgang versetzte Mehre in solche Verzweiflung, daß sie gestern Abend im Casino den Vorschlag machten, uns von unseren Gegnern und der Paulskirche ganz zu trennen, eine besondere Versammlung in oder außerhalb Frankfurt zu bilden u. s. w. u. s. w. Ich erklärte mich aufs Lebhafteste gegen diesen, im jetzigen Augenblicke wahnsinnigen Vorschlag, und ganz in gleichem Sinne sprachen sehr gut die Herren Schubert, Waitz und Beckerath. Wir, angeblich Conservativen (sagte ich unter Anderem), sollen eine Maßregel ergreifen, die höchstens begreiflich wäre, wenn sie von der äußersten Linken ausginge; wir sollen im Widerspruche mit Recht, Gesetz, Mandat, Wählern, Regierungen, Absicht und Zweck, den revolutionairen Boden betreten, unsere Freunde auseinandersprengen, eine unausweichliche Niederlage für die von uns vertretene Partei herbeiziehen, und die Achtung der Mitwelt und Nachwelt verlieren. Und weshalb, wozu? Weil wir in einem sehr übereilt unternommenen Gefechte einmal besiegt wurden? Niemand kennt die Zukunft; aber jetzt ist es unsere Pflicht, auf unserem Posten auszuharren, nicht zu verzweifeln, sondern im Wege der Pflicht, der Ehre, des Rechtes weiter zu kämpfen, bis wir siegen, oder, selbst in der Niederlage, gerechten Ruhm erwerben! u. s. w. u. s. w.
Zur Erläuterung obiger Parteistellung noch Folgendes: die äußerste Rechte will sich mit allen Regierungen verständigen über die deutsche Verfassung, und ihnen so viel Entscheidungsgewalt zugestehen, als der Reichsversammlung. Die Centren halten es für unmöglich, alle Regierungen für eine Ansicht zu vereinigen, und fordern die letzte Entscheidung für die Reichsversammlung. Die Österreicher hätscheln die Linke, um sie gegen Preußen zu benutzen, und die Baiern, um statt der Einheit eine Trias u. s. w. durchzusetzen. Die Linke bietet hier scheinbar die Hand, um die Mehrheit für ein unbedingt demokratisches Wahlgesetz zu erhalten. So die gegenseitigen Wünsche, Forderungen und Concessionen, und die anbrüchigen Grundlagen einstweiliger Bündnisse. In der anderen Woche kommen wir zur zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes, und man erwartet die Erklärung der österreichischen Regierung über einen anderen Entwurf, welchen österreichisch Gesinnte hier entworfen haben und nach Olmütz überbringen. Ich zweifle, daß er die Beistimmung der österreichischen Regierung erhalten, und noch weit mehr, daß er in der Paulskirche durchgehen wird. Später mehr davon, sofern das Kind nicht in der Geburt stirbt.
Den 28. Februar.
Gestern war endlich schönes Wetter, daß man spazieren gehen, des Frühlings gedenken und sich erheitern konnte. Auch in der Paulskirche hörte ich einige treffliche Reden, so von Beseler und Riesser. Eine, welche ich hielt, kann ich nicht so gut bezeichnen; sie hat nur den Vorzug, daß ich des Spruches eingedenk war: „sperrs Maul auf, hör’ bald auf.“ — Man wünschte im Casino, ich möge sprechen, und so habe ich dem freundlichen Wunsche nachgegeben. Man duldet meine Worte, weil ich nicht grob bin; doch nahm ich die Gelegenheit wahr, mich wenigstens gegen einen Vorwurf (des Breittretens bekannter Thatsachen) zu vertheidigen.