Jetzt ist man noch entschlossen, alle (zum Theil sehr vernünftige) Bemerkungen der einzelnen Regierungen gewissenhaft zu prüfen, und alles Annehmbare anzunehmen. Was und wieviel dies sei, und wieviel Zeit dazu gehört, läßt sich aber noch nicht übersehen. Jeden Falles wird es nicht so schnell gehen, als man anfangs wünschte und hoffte.

Diejenigen, welche sich einbilden: das deutsche Volk werde nach dem, wenig veränderten Singsang der Kinderwartefrauen (welche sich Bundestagsgesandten nennen), noch einmal 30 Jahre ruhig und geduldig verschlafen, irren sich sehr. Die Trompeten, welche zur Auferstehung aufrufen, werden keine Kindertrompeten, sondern die eines furchtbaren, entsetzlichen Gerichtes sein!

Hundertzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. März 1849.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß ich mir gar oft die Worte des Händelschen Duetts in den Bart brumme: „che vai pensando folle pensier?“ — und die beruhigende Antwort im Gedächtnisse nicht finden kann. — Gestern ging ich bei schönem Wetter spazieren. Schon blüht der Crocus, grüne Blattspitzen wagen sich hervor, und von meiner Wohnung aus habe ich meine Freude am Strom und den Wolken, an Licht, Sonnenschein und Abendroth; dann weiter schreitend an Feld und Gebirge. Alles mannigfaltiger, näher und bequemer wie in Berlin. Auf ein Paar Monate würdet auch Ihr Freude am Frühlinge haben. So in sicherer Wiederkehr, geregelt, in ewiger Jugend, — die Natur: — und dagegen die, ihrer Weisheit sich erhebenden, und zugleich sie aufs Bitterste parodirenden Menschen! — Gestern, am politischen Ruhetage, doch keine Ruhe; denn auf dem Spaziergange hörte ich von neu ausgebrochenen Unruhen und eingelaufenen anonymen Briefen: daß man alle Abgeordneten der Rechten todtschlagen wolle, und die Linke dann die Republik erklären werde!

Bei der Heimkehr fand ich (gegen die Regel) meine jungen Freundinnen nicht ganz à leur aise, weil sie Abends eine langweilige Gesellschaft besuchen sollten; — was mir Veranlassung gab ihnen eine Vorlesung zu halten, über Hardenberg’s an mich gerichtetes Wort: „mein lieber Raumer, Sie müssen lernen sich mit Anstand ennuyiren!“

Abends ging ich in die Preziosa, welche die Hausmann sehr anmuthig darstellte. Mit der Preziosa des Cervantes würde es ihr indeß noch besser gelungen sein; denn ich komme immer wieder auf meine frühere Kritik zurück, daß Wolf sie zu sehr versentimentalisirt und zu eilig in eine gewöhnliche Liebschaft verwickelt hat. Etwas mehr Sprödigkeit und Keckheit hätte einen originelleren Charakter gegeben und mehr Licht und Schatten hineingebracht. Am Puck kann eine Schauspielerin größere Anlagen entwickeln als an der Preziosa, obgleich ihr zugemuthet wird auch zu singen und zu tanzen.

Die Preziosa ist Weber’s Frühling, sowie Belmonte und Constanze der Mozart’s. Doch geht dieser auf einer breiteren Grundlage, der Sonnenhöhe des Sommers und den Genüssen des Herbstes entgegen. Das „Vivat Bacchus, Bacchus lebe,“ fehlt der weicheren Natur Weber’s, und „Nero, der Kettenhund“ ist nur ein geringes, künstliches Surrogat. Ich saß gestern zwischen der ernsten und heiteren Seite des Lebens. Zur Rechten ein Vater, mit drei kleinen Töchtern, welche nie im Theater waren, die jüngste wohl erst fünf Jahr alt, alle voll der gespanntesten Erwartung. Als ich die kleinste anredete, machte sie (wahrscheinlich aus Furcht vor meinem häßlichen, bebrillten Angesichte) eine sehr klägliche Miene: — ein Bonbon erwarb mir aber schnell ihr Zutrauen. Endlich ging der Vorhang in die Höhe, und ich habe nie glückseligere Gesichter gesehen als die dieser Kinder.

Zu meiner Linken saß die Frau eines Fabrikanten aus —, für welchen der März nichts errungen hatte, als den Verlust seines Absatzes. Sie erzählte: man habe in diesen Tagen neue Volksversammlungen, und dabei Reden gehalten, des Inhaltes: es sei jetzt schlimmer als sonst; weshalb man den Ermahnungen zur Ordnung nicht mehr Folge leisten dürfe, sondern durch verdoppelte Unordnung zum Ziele kommen müsse. Das nächste Hauptziel und Besserungsmittel sei, — alle Fürsten fortzujagen!

O des gemäßigten, besonnenen, deutschen Volkes, unter dem es weder Thoren noch Pöbel giebt!! — Dennoch bleibe ich dabei: die Massen sind besser als die Halbgebildeten; die Verführten minder schuldig als die Verführer, und ein reinigendes Fegefeuer eher möglich für jene als für diese.