Seit zwei Tagen sind hier die Gemüther in so lebhafter Aufregung, und es bereitet sich eine solche Umstellung der Parteien vor, daß ich es für Pflicht halte, Sie darauf aufmerksam zu machen.
Die Kündigung des malmöer Waffenstillstandes und der Einmarsch der Russen in Siebenbürgen weiset sehr viele Abgeordnete nicht blos auf das Ausland hin, sondern man fragt sich ängstlich: ob aus der Verbindung Österreichs mit Rußland nicht Gefahren für die innere Entwickelung Deutschlands hervorgehen dürften. Insbesondere, wenn Preußen sich (wie wohl sonst) von jenen Mächten ins Schlepptau nehmen lasse, und einem der Freiheit gehässigen Bunde beiträte.
Der zweite Gegenstand lebhaftester Aufregung ist der bekannt gewordene Plan Österreichs für eine Verfassung Deutschlands; ein Plan so curios, daß er einer politischen 1001 Nacht entnommen zu sein scheint.
38 Staaten erwählen 7 nicht regierende Prinzen, mit 9 Stimmen, die ohne Instruktion (aber doch in Übereinstimmung mit ihren Wählern) einen Kaiser vorstellen, u. s. w. u. s. w.
Sieben Prinzen Hadschi Babas, sieben Leuchter aus der Offenbarung Johannis, sieben Hungerjahre Ägyptens, eine böse Sieben; — so ruft Crethi und Plethi durcheinander.
Gewiß haben alle diese Dinge die österreichische Partei wesentlich geschwächt. Ein geschickter Anführer der Linken sagte gestern in Gegenwart mehrer Zeugen: wenn der König von Preußen diese russisch-österreichische Richtung zurückweiset, so treten wir auf seine Seite, Deutschland fällt ihm zu.
Man kann solch Bündniß mit einigen Leuten in der Paulskirche lächerlich und thöricht finden; in Wahrheit ist aber nicht von ihnen, sondern von gleichgesinnten Millionen außerhalb Frankfurt die Rede.
Wechselt der König (so sprechen selbst Preußen) Richtung, Farbe und Ausdruck, so verliert er Glauben und Vertrauen; die, vielleicht letzte Gelegenheit kühnen Fortschrittes und deutsch-preußischer Einigung geht für ihn, für das königliche Haus, für unser ganzes großes, preußisches, deutsches Vaterland verloren, und wir fallen zurück in das Siebenschläfersystem des unselig dahin geschiedenen Bundestages.
Nachmittags.
Die Recension der Briefe Goethe’s an Frau v. Stein habe ich jetzt gelesen. Sie hat mich aber zu dem, mir sonst noch unbekannten Buche in eine Stimmung versetzt, die ich mindestens eine unbequeme nennen muß. — Goethe und Frau v. Stein; — und Frau v. Stein und Goethe! — Wo bleibt, was ist, was glaubt, fühlt, denkt denn Herr v. Stein? Von ihm ist, wie von einem völligen hors d’oeuvre, von einer bloßen Null, gar nicht die Rede!