Wichtige Nachrichten kommen jetzt durch den Telegraphen so schnell nach Berlin, daß man durch Briefe eigentlich nichts Neues berichten, und nur Theilnahme für den Berichterstatter zu geduldigem Lesen antreiben kann. Da indeß kleine Einzelnheiten bisweilen die großen Züge des Bildes erhellen und erleuchten, so fahre ich in alter Weise fort, und suche meine Schneckenpost neben dem Telegraphen aufrecht zu erhalten.

Aus der gestrigen Berathung im Weidenbusche also Folgendes:

1) Ein sächsischer Abgeordneter trug vor, daß Nachricht eingelaufen, der beauftragte Ausschuß werde sich gegen die Zahlung der Flottenbeiträge erklären, die Mehrheit der Kammern wahrscheinlich auf seine Seite bringen und von schlechtem Partikularismus aus, den Rechten und Pflichten der Reichsgewalt zu nahe treten. Er wolle hierüber eine Frage an das Reichsministerium richten. — Einige meinten: dies sei voreilig, man müsse die Beschlüsse der Kammern abwarten. — Ich entgegnete: dann sei die offene Fehde nicht zu vermeiden, die Rücknahme schwierig; vielleicht lasse man sich warnen u. s. w. — Diese Ansicht gewann die Oberhand.

2) Bemerkte ich: die Behauptung, es werde durch ein erbliches Kaiserthum, die Zukunft des Vaterlandes in Gefahr gesetzt, ja preisgegeben, finde viel Anklang. Deshalb sei es nöthig, daß einer der erwählten, nichtpreußischen Redner erweise, wie die Erblichkeit (im Gegensatz der Wahlen und Wahlumtriebe [siehe Polen]) eben die Gefahr abhalte und die Zukunft sichere.

3) Ebenso müsse Lassaux’s Behauptung: der König von Preußen werde durch Annahme der Kaiserwürde wortbrüchig, widerlegt werden. Der König habe ein solches Wort nie gegeben, und selbst wenn dies jemals geschehen, sei es thöricht bei ganz neuen, früher ungeahnten Verhältnissen, an alten Ansichten festhalten zu wollen und darauf einseitige Schlußfolgen zu gründen.

Beide Bemerkungen zu 2 und 3 werden einzelne Redner berücksichtigen.

4) Mehre Abgeordnete der Linken (darunter Max Simon, Temme und andere einflußreiche Personen) ließen vorläufige Anträge machen, wonach sie mit uns stimmen wollten. Ohne Zweifel würden wir alsdann die Mehrheit auf unserer Seite haben; allein nur unter folgenden lästigen Bedingungen:

a) Die Fassung des ersten Absatzes über den Reichsumfang in einigen Bestimmungen zu ändern.

b) Das aufschiebende Veto anzunehmen. Desgleichen

c) Die heimliche Abstimmung bei den Wahlen.