d) Sollten sich wenigstens 140 Glieder der Gesellschaft des Weidenbusches verpflichten, jeder von Berlin aus beantragten Abänderung der angenommenen Verfassung zu widersprechen.
Diese Vorschläge fanden im Weidenbusche keinen Anklang; doch beschloß man, sie erst nach der morgenden Sitzung, und überhaupt erst dann zu berathen, wenn sie förmlich übergeben würden.
In der Regel sind die Grundsätze des Weidenbusches besser, als die seiner Gegner; die Taktik aber ungeschickter und mangelhafter. Möchten wir nicht in frühere Fehler verfallen und dadurch besiegt werden. Bis jetzt hat man im Eifer für einen unbedingten Sieg wenig daran gedacht, was wir für den (leider) möglichen Fall thun wollen und thun können, wenn wir keinen unbedingten Sieg davontragen, sondern (wenigstens theilweise) geschlagen werden. Welche Stellungen und Punkte muß man aufgeben? Welche bis zum Äußersten vertheidigen? Welche Bedingungen annehmen oder verwerfen? u. s. w.
Wie ich persönlich über Veto und Wahlform denke, habe ich schon früher geschrieben: ich halte den zweiten Punkt für wichtiger als den ersten, und den vierten Antrag für zu unbestimmt. Alle Mitglieder des Weidenbusches würden z. B. widersprechen, wenn man das Volkshaus verweigerte, oder die sieben Prinzen mit neun Stimmen empföhle; allein alle und jede Berichtigung und Modification zurückweisen, welche sich im Laufe der Zeit als nothwendig und nützlich herausstellen sollte, ist a priori nicht zu rechtfertigen und a posteriori noch tadelnswerther. Endlich
5) beschloß man: morgen nicht auf den Schluß der Berathung zu dringen, sondern auch den Dienstag dazu einzuräumen. Dies ist um so nöthiger, da über die wichtige Fragestellung und Reihenfolge der Abstimmungen gewiß viel Zweifel entstehen und Einreden erhoben werden.
Welche große Gefahren mit jeder Art der Abstimmung über einen Hauptantrag und etwa 20 Verbesserungsvorschläge verbunden sind, ergiebt sich aus folgendem Beispiele. Stellt man den Hauptantrag (den wir vertheidigen) voran, so stimmen viele Liebhaber ihrer eigenen Verbesserungsvorschläge in der Hoffnung dagegen, für dieselben die Mehrheit zu gewinnen. Kommt jener zuletzt an die Reihe, nachdem die Verbesserungsvorschläge sämmtlich verworfen sind, so zürnen die Urheber derselben und stimmen gegen den Hauptantrag, — woraus folgt, daß gar nichts zu Stande kommt! Über diese Gefahren kann keine Form, sondern nur ächte Vaterlandsliebe hinweghelfen, welche sich unterordnet, um das Gute durchzubringen, wenn das Beste (le meilleur) unerreichbar erscheint.
Hundertdreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. März 1849.
Der von Simon, Temme und sieben Anderen unterschriebene und gestern im Weidenbusche vorgelegte Antrag (dessen wesentlichen Inhalt ich bereits mittheilte) ward ohne weitere Berathung abgelehnt, da das Aufgeben lang vertheidigter Grundsätze für den Gewinn so weniger Stimmen unpassend erschien, und für bedeutenden Verlust noch immer zu keiner großen Mehrzahl führte. Eine solche fehlt allerdings, da sie nach Schubert’s gestrigem (obenein noch zweifelhaftem) Berichte kaum zehn übersteigen dürfte. Aber selbst die Mehrheit von einer Stimme wäre von großer Wichtigkeit, weil dadurch Weitläufigkeiten, Zeitverlust, Ränke, wenn nicht abgeschnitten, doch gehemmt werden, das ausgestreute Samenkorn wachsen, der kleinere Kreis (wie beim Zollvereine) sich erweitern wird. Viele hegen nur große Furcht, daß Halbheit, Feigheit und Böswilligkeit der Diplomatie unser Beginnen schwächen und stören wird, statt es zu stärken; man hofft immer noch mehr von den berliner Kammern, als von der Camarilla.
Mein alter Zorn gegen die Diplomaten (siehe meine Spreu) ward in Paris nicht vermindert, sondern erhöht: nur Bastide (obwohl ein homo novus, ein Neuling) bewegte sich nicht in den alten gebannten Kreisen, sondern sah darüber hinaus und wußte, daß man durch bloßes Nergeln und Ärgern und Verneinen, der Welt Lauf nicht verstehen lernt und ihn noch weniger beherrscht.