In der heutigen Sitzung wird die Berathung wahrscheinlich geschlossen; und wenn unsererseits zuletzt Gagern und Riesser sprechen, sind wir gewiß im Redevortheil. Daß die Preußen die Vertheidigung ihres Vaterlandes Nichtpreußen überließen, thut (was auch das letzte Ergebniß sei) eine gute und beruhigende Wirkung. Ein entgegengesetztes Verfahren wäre gewiß bitter als Anmaßung und Eigennutz bezeichnet und getadelt worden. Zur Sache ist dadurch, bei der Geschicklichkeit der erwählten Redner, nichts verloren.

Trotz langem Reden und unzähligen Wiederholungen, bleibt doch Manches ungesagt, z. B. wider den Wahnsinn etlicher Thoren, Preußen zu schwächen, um Deutschland zu stärken; und umgekehrt: die kleinen Staaten zu mediatisiren, um die Duodezkönige bis zu einer Oktavausgabe auszudehnen! Dies erinnert an das Streckbett eines ähnlichen Politikers, des Prokrustes, den jedoch Theseus widerlegte, indem er ihn todt schlug und eine Centralgewalt in Athen gründete. Wenn Preußen sich nicht selbst mordet, steht es thatsächlich (mit oder ohne Kaisertitel) an der Spitze Deutschlands: beide aber machen erst das Ganze. Sich zu fürchten: daß die kleinen Fürsten Preußens Herr werden könnten, wenn es sie beschützt, ist eine kolossal confuse Ansicht.

Österreich kann und will nicht über den alten Staatenbund hinausgehen, der uns nochmals einschläfern würde, bis die Kriegstrompeten in Osten und Westen uns zu spät weckten.

Umgekehrt will Hr. S. aus D. den König von Preußen verpflichten: Krieg nach allen Seiten zu beginnen, Italiener, Polen, Ungarn, Türken zu befreien u. s. w. u. s. w. Der Wahnsinn eines Antidiplomaten; nur der Unterschied zwischen stiller Tollheit und lauter Raserei. — Während unser höchstes Bestreben sein muß, die Einmischung fremder Staaten in unsere einheimischen Angelegenheiten abzuhalten, will uns solch ein eingebildeter H— R— mit aller Welt in Krieg verwickeln und seinen papiernen Antrag als Reichsfahne, ja als Reichsheer hinstellen.

Hunderteinunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 21. März 1849.

Gestern Abend ward im Weidenbusche allerlei berichtet und hin und her gerechnet über unsere Stimmenzahl, ohne ein festes Ergebniß für den Sieg aufzufinden. Hierüber zornig, erklärte ein Mitglied: wenn wir nicht siegten und die Österreicher (welche uns hinderten, eine große Mehrzahl zu erhalten) nicht hinausgewiesen würden, so werde er (und dies sollte uns zum Beispiel dienen) nicht mehr in der Verfassungsangelegenheit mitstimmen. — Diese Erklärung erschien mir so gefährlich und zweckwidrig, daß ich die Rednerbühne bestieg und etwa sagte: Wenn wir morgen nicht obsiegen, so ist dies ein Verlust für den Augenblick; wenn wir aber dem Vorschlage des Hrn. — folgen, so verwandelt er sich in eine völlige Niederlage für alle Zeiten. Wir müssen uns vielmehr fester vereinigen als je, standhafter ausharren und kämpfen denn zuvor. Alle großen Gedanken, alle umgestaltenden Zwecke in Staat und Kirche, sind anfangs in der Minderheit geblieben: so von dem Kampfe der Plebejer gegen die Patricier in Rom, bis zur englischen Reformbill, der Aufhebung der Sklaverei und der Emancipation der Katholiken. So wird auch die bereits vorhandene, unabweisliche Thatsache, von Preußens Oberleitung und Einigung mit Deutschland, täglich mehr Boden gewinnen. Wenn wir morgen nicht obsiegen, so müssen wir übermorgen den Kampf wieder aufnehmen. Bei Ligny ward der alte Blücher geschlagen, bei Waterloo war er mit seinen Preußen wieder da, und entschied. Diesem Vorbilde können und müssen wir nachfolgen. — Meine Worte fanden, Gott Lob! allgemeine Beistimmung!

Wenn Hr. — sagt: er sei mein Wahlmann und habe mir keinen Auftrag (Mandat) gegeben, einen Kaiser anzunehmen, so antwortet ihm in meinem Namen: das Geschäft, das Mandat des Wahlmannes, ist lediglich zu wählen, nicht aber einzelne bestimmte Vorschriften und Aufträge zu ertheilen. Dies würde Begriff und Nutzen der Repräsentation aufheben und die Volkssouverainetät auf eine Weise geltend machen, welche selbst die Demokraten nicht wollen, und welche 1793 in Frankreich versucht, zu den unsinnigsten und entsetzlichsten Ergebnissen führte. Unser Beruf (Mandat) spricht sich schon im anerkannten Titel: „verfassunggebende Reichsversammlung“, — deutlich und bestimmt genug aus, und ich habe keinen Begriff von einer hauptlosen, und jetzt für Deutschland auch nicht von einer heilsamen dreiköpfigen oder siebenköpfigen Verfassung.

— — Anstatt uns unsere unendlich schwere Aufgabe noch mehr zu erschweren und zu verbittern, sollten uns alle Einsichtigen von Berlin aus stützen und schützen; anstatt, in leichter Weise, zu tadeln, zu kritteln, zu spotten, zu verneinen, sollte sie das Vaterland für große Zwecke und für ein positives Vorwärts begeistern; anstatt sich mit Fragen über Mandate u. s. f. pedantisch abzumühen, sollten sie die Verhältnisse als ächte Staatsmänner begreifen und beherrschen; anstatt (wie beim Spiele mit dem nürnberger Tand) Hinderndes und Förderndes gegen einander abzuwägen und aufzuheben, bis nichts übrig bleibt, nichts geschieht und der rechte Zeitpunkt verloren geht, sollten sie dem Beispiele des großen Kurfürsten (1640), Friedrich’s II (1740) und Friedrich Wilhelm’s III (1813) folgen. Wer das nicht will, nicht begreift, nicht wagt, — der wende seine Sehnsucht nach der Zeit zurück, wo es nur einen Markgrafen von Brandenburg gab, und dieser sich mit den Quitzows und Putlitz herumschlagen mußte. Romane kann man über solche Zeiten schreiben, aber die Weltgeschichte nimmt davon keine Kenntniß. Preußen ist ein weltgeschichtlicher Staat und soll es in steigender Größe bleiben. Heißt das (der Diplomatie und dem neidischen Auslande gegenüber) revolutionair; nun, so bin ich ein Revolutionair, und thue hier mein Möglichstes, Andere für diese unvermeidliche, heilsame Revolution zu bekehren.