In Lodz wurde eine ganze Bande von Mädchenhändlern abgefaßt. Unter der Vorspiegelung, ihnen in Buenos Aires einen steinreichen Bräutigam zu verschaffen, überredeten die Agenten, deren Hauptsitz Bendzin war, junge Mädchen zur Auswanderung nach Argentinien. Die Seele dieser Händler und Agenten war ein gewisser Moszek. In seinem Hause in Bendzin wurden die Mädchen zu üppigen Mahlzeiten eingeladen, betrunken gemacht und dann nach Sosnowice gebracht. Dort erhielten sie ihren falschen Paß und fuhren dann über Kattowitz, Wien nach Genua, wo die Transporte zusammengestellt wurden. Derartige Transporte gingen in jedem Jahr vier bis fünf ab.
Einer der bekanntesten und gefährlichsten Mädchenhändler, der schon seit etwa 15 Jahren gesucht wurde, sich aber stets durch gefälschte Papiere der Verhaftung zu entziehen wußte, Israel Meyrowicz wurde in Kattowitz gefaßt und zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Er trieb den Mädchenhandel, indem er mit den Mädchen Scheinehen einging und sie dann ins Ausland abschob. Diese Scheinheiraten sind noch heute, wie bereits geschildert, eins der gebräuchlichsten Mittel, um die Mädchen ins Ausland zu verschleppen. Diese Ehen sind um so leichter herbeizuführen, weil die Eltern selbst ihren Töchtern den Abschluß der Ehen anraten. Die Agenten gehen in die ärmsten Gegenden Galiziens und versprechen den Mädchen die glänzendste Zukunft, legen auch dahinzielende Kontrakte, die natürlich ebenfalls gefälscht sind, vor. Die Eltern können weder lesen noch schreiben und geben, in der Hoffnung, eine Tochter ohne Aussteuer und Mitgift an den Mann zu bringen, gern ihre Einwilligung. Das junge Paar reist glückstrahlend nach einem Hafen, in dem der Mann, nachdem er die Frau an Bord gebracht hat, unter einem nichtigen Vorwand verschwindet. Er schickt dann in den nächsten Hafen eine Depesche, daß er mit dem folgenden Schiffe nachkäme. Die junge Frau reist nun ohne Besorgnis in ihre neue Heimat, wo sie sofort in ein Bordell gebracht wird.
Von dieser Art des Mädchenhandels können wir aus jedem Jahr zahlreiche Beispiele anführen.
Eine großartige Organisation von Mädchenhändlern wurde vor einigen Jahren in Frankreich entdeckt. An der Spitze der in Bois de Colombes bei Paris wohnenden Bande stand der Brauereibesitzer Rigal, einer der angesehensten Bürger seiner Gemeinde. Er stand an der Spitze aller wohltätigen Vereine und besaß mehrere Hotels. Sein Kompagnon Dumortier hielt sich einen großen Rennstall, trat in der besten Gesellschaft auf und hatte ausschließlich die Aufgabe, die verschleppten Mädchen zu verführen. Diese Bande lieferte nach London, New York, Venezuela und Transvaal und hat Hunderte von Mädchen der Schande zugeführt.
Ganz unglaubliche Zustände müssen in der Mandschurei geherrscht haben. Ein Polizei-Urjadnik in Chailar hat die Besitzerin eines Bordells aus dem Hause vertrieben und dann selbst die Leitung des Geschäftes übernommen. Seine offizielle Stellung benutzte er dazu, junge Mädchen, die ihm gefielen, in sein Haus zu bringen oder, wenn sie sich weigerten, dies zu tun, sie einfach auszuweisen. Auf diese Weise war es ihm möglich, seinen Klienten stets neue und frische Ware anzubieten.
Der ungarische Mädchenhändler Breier (manchmal auch Dr. Oppermann genannt) hatte es verstanden, sich in eine angesehene Berliner Familie einzuführen und sich mit der Tochter des Hauses zu verloben. Trotzdem der jungen Dame offiziell mitgeteilt wurde, daß Breier ein berüchtigter Mädchenhändler und bereits lange verheiratet sei, ging die Tochter mit ihm nach Budapest. Von dort schrieb Breier auch an die jüngere Schwester und lud sie zur Hochzeit ein. Glücklicherweise folgte das junge Mädchen dieser Einladung nicht. Wahrscheinlich hätte sie sonst dasselbe Schicksal ereilt, wie ihre Schwester. Von dieser erhielten die Eltern nur eine Postkarte mit den traurigen Worten: „Es grüßt Euch Eure tiefunglückliche Jenni.“ Sie wurde später in Wien ermittelt, weigerte sich aber, zu ihren Eltern zurückzukehren.
Ähnlich wie diese Individuen treibt auch eine große Anzahl von Impresarien Mädchenhandel. Der Singspieltheater-Unternehmer Preußer zwang die Mitglieder seiner Truppe, nach den Vorstellungen an Soupers in Cabinets séparés teilzunehmen. Vier von seinen Sängerinnen reichten, sobald sie ihr Engagementsverhältnis gelöst hatten, eine Klage wegen Kuppelei gegen Preußer ein, in der sie ihn außerordentlich schwer belasteten. Preußer brachte aber die Mädchen seiner gegenwärtigen Truppe als Entlastungszeuginnen, die sämtlich in der leichtfertigsten Weise beschworen, daß nichts Unrechtes geschehen sei. Eine Verurteilung des Preußer wurde hierdurch illusorisch. Der Fall beweist deutlich, welche dämonische Gewalt diese Unternehmer auf ihre Angestellten ausüben, und wie schwer es den Gerichten gemacht wird, die Händler zu verurteilen, selbst wenn sie Beweise von dem Treiben derselben gewonnen haben. Alle diese Leute sehen in einem Meineid nur dann ein Verbrechen, wenn sie dabei gefaßt werden.
In Hamburg wurde der Mädchenhändler Veith verhaftet, der auch in Berlin nicht unbekannt war. Er hatte sich eine Künstlertruppe „Die sieben Libellen“ zusammengestellt, mit der er durch Rußland, Österreich, Holland, Italien und Deutschland zog und seine Künstlerinnen zur Unzucht anhielt. Mädchen, die sich als Künstlerinnen nicht bewährten, wurden ohne weiteres an die öffentlichen Häuser in Buenos Aires verkauft. Er wurde durch einen Zufall festgenommen. Eins der Mädchen, welches verhandelt werden sollte, war entflohen und hatte sich in Hamburg als Kellnerin engagieren lassen. Diese sah den p. Veith mit einem Mädchen auf der Straße und veranlaßte seine Verhaftung. Das Mädchen, mit dem er die Ausreise antreten wollte, hatte er von der eigenen Mutter für 1000 Mk. gekauft.
In Berlin tauchte ein gewisser Meder aus Bayern auf, der sich für den Leiter einer Tiroler Gesellschaft ausgab. Er hatte bereits fünf Mitglieder bei sich und nahm in Berlin ein 16jähriges Mädchen F. Sch. als jüngstes Mitglied zu seiner Truppe. Die Gesellschaft reiste über Warschau nach Tiflis, wo er sich mit seiner Truppe produzierte und die einzelnen Mädchen an reiche Russen zu verschachern suchte. Die deutschen Gäste des Lokals veranstalteten eine Sammlung, um die Mädchen den Händen ihres Impresarios zu entreißen. Es gelang ihnen auch, die nötigen Gelder zusammenzubringen und die Mädchen zu befreien.
Berüchtigt ist der Mädchen- und zugleich Diamanthändler Malitzki, bei dem es vor zwei Jahren gelang, ihn wegen derselben Handlung zweimal zu bestrafen. Er hatte ein Mädchen an ein öffentliches Haus in Johannesburg geliefert und beutete sie derart aus, daß sie Anzeige an die englischen Behörden erstattete. Malitzki wurde zu zwei Jahren schwerer Arbeit verurteilt, weil er ein Mädchen an ein Bordell geliefert hatte. Als er nun zurückkehrte, um sich „frische Ware“ zu holen, wurde er bei uns verhaftet und mit 1½ Jahren Zuchthaus bestraft, weil er ein deutsches Mädchen zur Unzucht ins Ausland verschleppt hatte (§ 48 des Auswanderungsgesetzes).