Der Eindruck des Außenbaues auf den Beschauer ist ein mächtiger, um so mehr, als man beim Anblick unwillkürlich zum Vergleich mit den älteren, in kleineren Verhältnissen errichteten Bauteilen der Kirche gezwungen wird. Nur liegt hier die Sache anders als beim Innenbau. Dort wird der Hauptunterschied mehr in der Breitendimension gefunden, hier mehr in der Höhendimension.
Ist auch das Mauerwerk des neuen Ostchors nicht bedeutend höher als die romanische Hochwand, so übt doch das Dach mit seiner mächtigen Ausdehnung eine geradezu erdrückende Wirkung auf den übrigen Bau aus, und zwar deswegen, weil die drei Schiffe mit einem einzigen Sattel überzogen sind. Angenommen, es wäre möglich gewesen, jedem einzelnen der Chorschiffe, wie es z. B. bei verschiedenen Bauten in Hessen öfters der Fall ist, eine besondere Bedachung aufzusetzen, so würden diese einzelnen Dächer ebenso wie das Mauerwerk das romanische Mittelschiff nur wenig überragt haben. So aber ist der neue Ostchor mitbestimmend für das Stadtbild geworden, was hundert Jahre später auch bei der Kirche St. Lorenz der Fall war. In der Silhouette der Stadt, welche mit der Burg und den beiden Turmpaaren von St. Sebald und St. Lorenz im wesentlichen gegeben ist, ragen auch die beiden Chorbauten empor; von Westen gesehen, blicken sie durch die Türme durch, von Süden gesehen gewähren sie den Anschein, als wäre jede Verbindung zwischen ihnen und ihren Türmen aufgehoben.
Ein Vergleich des Neubaues mit dem alten Bau drängt sich aber noch bezüglich der Wirkung der Architektur selbst auf. Der Unterschied zwischen dem Ostchor und der romanischen Hochwand ist im Außenbau noch überraschender als im Innenbau. Denn hier fehlt beim romanischen Bau jegliche Struktur. Aus der glatten Wand mit den fünf rundbogigen Fenstern ist ein Rückschluß auf die Art der Innenkonstruktion, beziehungsweise der Einwölbung unmöglich. Doch tritt für den Beschauer der romanische Teil des Baues zu sehr in den Hintergrund zurück, als daß er unbedingt zu einem Vergleich mit dem Chor herausfordern würde. Anders verhält es sich mit den Seitenschiffen. Im Innern werden dieselben trotz ihrer erheblichen Breite kaum beachtet. Ihr Außenbau jedoch führt eine beredte Sprache. Seit 1309 begonnen, zeigen sie in der Gliederung der Architektur wie in der Dekoration den Geist der Hochgotik, voll Feinheit und Geschmack. Und der Stilcharakter im Außenbau des Ostchores scheint bei der über ein halbes Jahrhundert betragenden Zeitdifferenz nicht weit verschieden zu sein: dasselbe Prinzip der Gliederung und Dekoration hier wie dort, bestehend in Galeriebrüstung und überschneidenden Fensterwimpergen und Pfeilerfialen.
Stilkritische Würdigung. Wir fragen uns nun, welche Stelle nimmt der Ostchor von St. Sebald in der Bau- und Kunstgeschichte seiner Zeit ein, in welchen Beziehungen steht dieser Bau zu anderen Hallenbauten und aus welchen Quellen hat sein Meister geschöpft?
Die Hallenkirche nimmt in der Baugeschichte der Spätgotik einen breiten Raum ein. Es hatte sich diese Bauart aus dem Grunde fast überall Eingang verschafft, weil sie dem Zeitgeist am besten entsprach und weil die in ihrem Wesen begründet liegende Einfachheit im Raum sowohl wie in der Konstruktion und die daraus sich ergebende größere Sparsamkeit der Bauausführung ihr den Vorzug vor dem basilikalen Bausystem gaben. Am meisten wurde die neue Bauart in der deutschen Spätgotik in zwei ganz verschiedenen Gegenden kultiviert: in Hessen und in Westfalen einerseits, in Schwaben und in den bayerischen Ländern andererseits. Dabei hatten sich bald verschiedene Typen gebildet oder es wurden frühere Typen wieder aufgegriffen und so entstanden Hallenkirchen mit glattem Schluß der Schiffe, solche mit polygon geschlossenem, vorgeschobenem Chor und solche mit Chorumgang. Der letztere Typus hatte sich vornehmlich im nordöstlichen Schwaben, in Bayern und Österreich eingebürgert, und so scheint auch unser Ostchor von St. Sebald mit in die Gruppe zu gehören.
Der erste Bau dieser langen Reihe von unter sich mehr oder weniger verwandten Hallenkirchen war die Heiligkreuzkirche zu Schwäbisch-Gmünd, erbaut von dem aus Köln gebürtigen Meister Heinrich Parler.[36] Die Bauzeit dieser Kirche umfaßt nahezu ein Jahrhundert: in den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde an Stelle einer romanischen Kirche mit dem Bau des Langhauses begonnen, 1351 wurde der Neubau des Chores in Angriff genommen und erst 1414 fand die Einweihung des ganzen Bauwerkes statt. Aus den letzten Jahren dieser Bauzeit wird die Einwölbung dieses Langhauses stammen. Das Gewölbe des Chores gehört erst dem Ausgang des 15. Jahrhunderts an.
In der Anlage nun ist die Heiligkreuzkirche in Gmünd eine dreischiffige Hallenkirche mit Chorumgang und Kapellenkranz. Die Seitenschiffe sind bedeutend schmäler als das Mittelschiff, im Chor noch mehr als im Langhaus; die Gewölbfelder im Mittelschiff sind rechteckig, die in den Seitenschiffen haben fast quadratische Form. Der Abschluß des Binnenchors ist aus drei Seiten gebildet, welchen im Chorumgang sieben Seiten entsprechen, so daß in der Mittelachse ein Chorfenster liegt. Die Strebepfeiler des Chores sind in ihrer unteren Hälfte zur Bildung von Kapellen eingezogen, welche geradlinig geschlossen sind. Von der ursprünglich geplanten Wölbung kann nicht viel gesagt werden, doch soviel scheint sicher, daß die Scheitelhöhe der Gewölbe auch damals schon in den drei Schiffen einander gleich gedacht war; daraus hätte sich dann, ebenso wie es jetzt der Fall ist, für das Mittelschiff eine gedrücktere, für die Seitenschiffe eine schlankere Form der Gewölbe und eine ungleiche Verteilung der Drucklinien ergeben. Die Gewölbe ruhen auf Säulen.
Der Bau des Ostchors von St. Sebald, in der Bauzeit mit der Gmünder Kirche teilweise sogar zusammenfallend, scheint unter dem Einflusse derselben zu stehen.
Das Prinzip der Hallenkirche ist beim Ostchor von St. Sebald viel reiner zur Erscheinung gekommen als bei der Heiligkreuzkirche zu Schwäbisch-Gmünd. Die langgestreckte Ausdehnung hier konnte bei St. Sebald leicht vermieden werden, da es sich in Wirklichkeit nur um einen Chor und nicht um eine ganze Kirche handelte, und auch das gleiche Maß der Schiffsbreiten, wenn auch nicht bei jedem Joch genau eingehalten, war mit dem Anschluß an die drei Quadrate des romanischen Querschiffes gegeben. Und infolge der gleichen Höhe der drei Schiffe wird der Schub der mittleren Gewölbe aufgehoben, die inneren Pfeiler sind nur senkrecht belastet und den Strebepfeilern außen obliegt lediglich die Aufgabe des Widerstandes gegen den Gewölbeschub der äußeren Schiffe. Es hat somit eine in jeder Weise gleichmäßige Gestaltung des Baues bewirkt werden können, und so sieht der Beschauer im Innern des Chores nach jeder Richtung hin das gleiche System, wohl das Endziel des Hallenbaues, was bei der Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd bei weitem nicht der Fall ist.