Abb. 27 und 27a und b. Baldachin am Ostchor.

Aus diesen chronikalischen Nachrichten geht zweifelsohne hervor, daß 1345 mindestens eine neue Eindeckung der Turmdächer stattgefunden hat. Ob und inwieweit aber die oberen Stockwerke eine Abänderung oder Erhöhung schon 1345 erfuhren, ist mit Sicherheit aus diesen Notizen nicht zu entnehmen, und auch der Baubefund gibt dafür keinerlei Anhaltspunkte. Wohl wissen wir vom südlichen Turm, daß darin eine Wächterstube eingerichtet war[45], und ebenso vom nördlichen, daß in ihm von alters her die Glocken hingen, denn noch ist deutlich durch den Steinschnitt des Quaderbaues eine ehemals vorhandene breite Öffnung nachzuweisen, die nur, mit zwei freistehenden Säulen, eine dreiteilige Arkatur gebildet haben kann. Und irgendwelche weitergehende Schlüsse läßt auch die offenbar ungenaue Ausdrucksweise der Quellen — man kann doch nicht eigentlich von dem „Bau“ des oberen Turmes sprechen, wenn ein solcher fünf Stockwerke hoch bereits bestand — nicht zu. Auch aus der Erwähnung nur eines Turmes in urkundlichen Nachrichten vor 1345[46] möchten wir nicht ohne weiteres folgern, daß einer der beiden Türme den andern das Stadtbild wesentlich mitbestimmend überragt habe, wenn man auch die Möglichkeit umfangreicherer Umbauten im Jahre 1345, wie gesagt, bestehen lassen muß. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht auch hier meist für ungenaue Ausdrucksweise.

Von dem Abschluß und der Bedachung der Türme der romanischen Kirche bis zum Jahre 1345 wissen wir demnach so gut wie nichts. Dagegen besitzen wir über das Aussehen der Helme, die eben im Jahre 1345 aufgesetzt worden waren, wenigstens ein leidlich zuverlässiges, allerdings nicht ganz zu deutendes Zeugnis in der Mitteilung des Nürnberger Patriziers Lazarus Holzschuher aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in welcher er die alten Turmdächer der Sebalduskirche, wie sie noch vor 30 Jahren bestanden hätten, mit Zinn weiß gedeckt sein läßt und sie ihrer Form nach mit „Pfifferlingen“ vergleicht.[47] Wahrscheinlich wollte Holzschuher mit letzterer Bezeichnung nur sagen, daß die alten Turmhauben pilzförmig gewesen seien. An die eigentliche botanische Bedeutung des Pfifferlings als des Eierschwammes (cantharellus cibarius) wird er dabei schwerlich gedacht haben.

Daß nun aber diese möglicherweise schon etwas erhöhten Türme durch die gewaltige Masse des hohen Ostchores, seitdem dieser 1379 vollendet worden war, in ihrer bisher das ganze Kirchengebäude beherrschenden Erscheinung stark beeinträchtigt wurden, ist wohl ohne weiteres klar. Das Mißverhältnis mußte um so mehr in die Augen fallen, als die Schwesterkirche von St. Lorenz mit ihren bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts vollendeten, in der Anlage nahe verwandten, 80 m hohen Türmen unwillkürlich zum Vergleich herausforderte.[V]

Allein bis zum Jahre 1481 hören wir hinsichtlich der Türme von St. Sebald lediglich zum Jahre 1361 von einer Neudeckung mit Zinn[48] und von Ausbesserungen an der Bedachung, die 1447 nötig wurden.[49]

An eine weitere Erhöhung der Türme wagte man sich erst im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts.

Wir geben im nachstehenden zunächst die ausführlichen und gut in die Geschichte des Turmbaues einführenden Nachrichten Baaders (Beiträge 1, S. 54 ff.) im Wortlaute wieder:

„Diese (Türme) waren ursprünglich ziemlich nieder, der Rat beschloß daher im Jahre 1481 die Erhöhung und den Umbau derselben. Die beiden Kirchenmeister Hans Haller und sein Nachfolger Sebald Schreier, unter welchem dieser Bau zu Ende geführt wurde, hatten die nächste Veranlassung dazu gegeben. Weil es aber an Mitteln fehlte, entlehnten sie für die Kirche mit Bewilligung des Rates 11,853 Pfund 4 Schilling und 4 Haller aus der Losungsstube (Finanzkammer); die übrigen Kosten sollten durch milde Beiträge gedeckt werden, die in der Tat auch reichlich flossen und von allen Ständen in Geld, Geschmeide, Gewand und unter gar verschiedenen Formen geleistet wurden.