„Nachdem die Stadtwerkmeister und andere Bauverständige die Türme besichtigt, ihr Gutachten abgegeben und für ihre Mühe Wein, Käse und Brod erhalten hatten, begann man sogleich mit dem Abbrechen des gegen die Stadtwage zu gelegenen Turmes [des südlichen Turmes], dessen Stumpf einstweilen mit Schindeln gedeckt wurde.[50] Hierauf schrieb man dem Meister Heinrich Kugler, dem Steinmetzen von Nördlingen, daß er kommen solle, um mit ihm wegen Führung des Baues zu unterhandeln. Am 2. Dezember 1481 versammelten sich im Hause des Kirchenmeisters Hans Haller die Herren Ruprecht Haller, Pfleger der Kirche, Niklas Groß der ältere, Hans Tucher der ältere und Hans Volckamer, der Stadtbaumeister. Auch Meister Heinrich war erschienen; man kam mit ihm überein, daß er den Bau führe, wie ihm von den Herren fürgegeben werde, und daß er mit dem Lohne sich begnüge, den sie ihm zuerkennen werden. Der Kontrakt wurde an demselben Tage noch abgeschlossen und dem Meister Heinrich 4 fl. Leikauf gegeben, wovon er die Hälfte seinem Weibe geben soll.
Abb. 28. Westansicht.
„Die Herstellung der nötigen Gerüste und alles Zimmer- und Dachwerkes wurde dem Meister Eucharius, dem Stadtzimmermann, übertragen, der zu diesem Zwecke vom Rat eigens beurlaubt wurde. Im Januar 1482 schickte man ihn nach Ulm, um den Zug zu besichtigen und kennen zu lernen, den man am Bau Unser Lieben Frauenkirche dortselbst in Anwendung brachte. Den Meister Hanns Pinz, Zimmermann zu Ulm, der wahrscheinlich der Erfinder des Zuges war, nahm Meister Eucharius mit sich nach Nürnberg, um auch hier den Zug zu dem Bau der Türme anzugeben und einzurichten. Während der nächsten Jahre herrschte bei diesem Zuge lebhafte Tätigkeit; dirigiert wurde er von mehreren Zimmergesellen.
„Turm der Stadtwage gegenüber. Am 11. März 1482 fing Meister Heinrich Kugler mit dem Zuhauen und Herrichten der Steine an.[51] Er beschäftigte 20 Steinmetzgesellen und darüber, deren jeder einen Taglohn von 18–20 ϑ und am Ende der Woche ein Badegeld erhielt.[52] Die Lehrgesellen erhielten des Tages nur 18 ϑ. Der Wochenlohn des Meisters Heinrich betrug 5 Pfund alt. Am Freitag nach Kiliani (12. Juli) fing man an zu mauern; an diesem Tage wurden die ersten zwei Steine auf den Turm gelegt. Die große Anzahl der Arbeiter und der rege Eifer, der bei dem ganzen Baue herrschte, machten es möglich, daß man schon am 23. Oktober 1482 den letzten Stein legen konnte und Ende dieses Monates das Steinwerk des Turmes in der Hauptsache vollendet war. Der Steinmetzgeselle Hans von Langheim zeichnete sich bei dieser Arbeit besonders aus; dafür erhielt er aber auch ein besonderes Trinkgeld.
„Während die Steinmetzen an dem Steinwerk des Turmes arbeiteten, beschäftigte sich Meister Eucharius mit seinen Zimmerleuten an der Herstellung des Zimmerwerkes und Daches. Am 26. Mai 1483 stellten sie die ersten Sparren zu der Dachung und Spitze des Turmes auf. Die Sparren waren 70 Stadtschuh hoch; die Höhe der Stange oder des Spießes oberhalb der Sparren betrug 20 Stadtschuhe; von dem Ende der Sparren bis an den Knopf waren 9 Stadtschuhe und 6 Zoll und von dem Knopf bis an die Fahne 5 Stadtschuhe und 4½ Zoll. Die Zimmergesellen erhielten 20–24 ϑ Taglohn und, wenn sie recht gefährliche Arbeit in der Höhe verrichteten, noch 4 ϑ Zulage. Am 10. Juni 1483 wurde dem Turm der Knopf aufgesetzt. Dieser war 2 Stadtschuh und 2½ Zoll hoch und 8 Stadtschuh und 8 Zoll weit. Verfertigt wurde er durch Niklas Gnotzhamer und vergoldet durch den Goldschmied Erhard Hupfauf, der 80 Dukaten oder (3 Dukaten zu 4 Goldgulden gerechnet) 106 fl. 5 Pfund und 18 ϑ neu oder 896 Pfund alt dazu verwendete. Ich vermute aber, diese Summe sei für die Vergoldung beider Turmknöpfe und nicht bloß des einen verwendet worden. Am 7. Juli wurde die Fahne aufgesteckt; sie war von Kupferblech, 2 Stadtschuh und 11 Zoll hoch und 3 Stadtschuh und 11 Zoll breit und wog mit dem Eisenwerk 39 Pfund. Gemalt hatte sie der Meister Ulrich Pildschnitzer, Maler; für das Malen derselben und für das Anstreichen des Eisenwerkes und der Fenster bei der Schlagglocke erhielt er 40 Pfund Pfennig alt. Dann ging es an die Herstellung der Türmerstube, und da kamen die Kleibergesellen, die den Boden, den kupfernen Ofen und die Fenster mit Lehm verkleibten und verstrichen, und die Tünchergesellen, die da tünchten und Estrich schlugen; deren jeder erhielt 24 ϑ Taglohn und am Ende der Woche ein Badgeld. Die Türmerstube erhielt 8 neue Rahmen. Das Paar kostete 1 Pfund 15 ϑ. In den Rahmen waren 433 neue und 70 alte Fensterscheiben; hierfür erhielt der Glaser 28 Pfund alt. Der Turm war sohin fertig bis auf das Decken.
„Der Turm St. Moritzen-Kapellen gegenüber (nördlicher Turm). Nachdem der der Stadtwage gegenüber gelegene Kirchturm im Steinwerk fertig war, kamen am 10. November 1482 Sebald Schreier, Kirchenmeister, Niklas Groß, Hans Tucher und Hans Volckamer in Ruprecht Hallers, des Kirchenpflegers, Haus abermals zusammen, um mit Meister Heinrich Kugler auch wegen Erbauung des anderen Turmes Moritzen-Kapellen gegenüber zu unterhandeln. Die Bedingungen waren dieselben wie beim ersten Turm; sie wurden von Meister Heinrich auch ebenso angenommen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Irrung zwischen Meister Heinrich und seinem Parlierer Ulrich Speidel beigelegt und ausgesprochen, daß Meister Heinrich Gewalt haben solle, die Steinmetzgesellen aufzunehmen und zu entlassen, und auch sogar dem Parlierer selbst den Abschied zu geben, letzteres jedoch nur mit Wissen eines Rates. Der Parlierer erhielt den Taglohn eines Gesellen, aber alle Quatember noch eine Liebung von 16 Pfund alt. Speidel erkrankte übrigens am Montag nach St. Margareta; am Pfintztag (Donnerstag) danach war er schon eine Leiche. Er starb an der Pest, die damals regierte. An seiner Stelle nahm Meister Heinrich den Hans Karter als Parlierer auf.
„Am 7. April 1483 wurde mit dem Abbrechen des Turmes begonnen; neun Wochen später, am 16. Juni, konnte man schon den ersten Stein auf das alte Gemäuer setzen. Nach drei Monaten, am 24. September, war das Mauerwerk hergestellt. Mit dem Aufstellen des unterdessen hergerichteten Zimmerwerks begann man am 3. November 1483. Am 5. Dezember wurde sodann der Knopf und danach auch die Fahne aufgesteckt. Die Stiegen, Portale, Geländer und Gänge an beiden Türmen wurden während der nächsten drei Jahre gemacht.
„Das Decken beider Türme. Um sie dauerhaft und gut decken zu lassen, ließ man den Meister Stephan Kaschendorfer von Dresden kommen, damit er dem Meister Christoph Lilgenweiß Unterricht im Decken erteile. Nachdem dies geschehen und Meister Stephan für seine Mühe reichlich belohnt worden, übertrug man am 27. April 1483 das Decken des Turmes der Wage gegenüber dem Meister Christoph Lilgenweiß, der mit dem nötigen Zinn, womit die Türme gedeckt wurden, und mit allem Zeug von dem Kirchenmeister versehen wurde und für das Gießen eines jeden Zentners Zinn 1 fl. erhielt. Als der Turm im Laufe des Jahres 1483 vollständig gedeckt war, wurde ihm am 4. März 1484 auch das Decken des mittlerweile fertig gewordenen Turmes St. Moritzen-Kapellen gegenüber übertragen. Vor Ablauf des Jahres war auch dieser gedeckt. Man verwendete entweder Eberstorfer, Löwensteiner oder Seifenzinn; von den beiden ersteren kostete der Zentner 8 fl., von letzterem 10 fl. Auch englisches Zinn wurde verwendet. Aber die Arbeit war schlecht geraten und der Guß der Zinntafeln und Tonnen ungleich; sie zersprangen allenthalben und ließen den Regen eindringen. Man schrieb die Schuld teils dem Meister Stephan Kaschendorfer, der über das Gießen und Decken nicht gehörig Aufschluß gegeben, insbesondere aber dem Meister Christoph Lilgenweiß zu, der mit Unfleiß, Verwahrlosung und Untreue umgegangen, indem er Zinn beim Decken abgetragen und entwendet und dieses Material mit Blei vermischt und geringert und so den Eid verletzt habe, den er bei der Übernahme der Arbeit geschworen. Der Wert des Zinnes, das er bei dem ersten Turm abhändig gemacht, betrug 142 fl., bei dem zweiten über 278 fl. Er wurde deshalb im Jahre 1485 ins Lochgefängnis gelegt und mit ernstlicher Frag (Tortur) angegriffen. Er bekannte aber nur 56 fl. Als Fürbitten von Bamberg und anderen Orten bei dem Rat für ihn einkamen und sein Vater, der Lilgenweiß von Bamberg, und seine Hausfrau Anna die Zahlung obiger 56 fl. verbürgten, ließ man ihn los, weil man damals noch keine Kenntnis hatte von dem großen Schaden, den er der Kirche zugefügt und der erst später sichtbar wurde. Als er aber vernahm, daß die Türme wieder ab- und von neuem gedeckt werden sollen, ergriff er die Flucht, weil er die Entdeckung seiner großen Untreue befürchtete.