Nach den gewonnenen Erfahrungen und dem Ergebnis der unterdessen stattgehabten weiteren Untersuchungen am südlichen Vierungspfeiler ließ sich die vollständige Erneuerung auch dieses Pfeilers, der bereits im Sommer armiert worden war, nicht umgehen. Es wurde daher ungesäumt nach der Abnahme der Kanzel und der Herstellung der nötigen Abbolzungen mit der Auswechselung begonnen, deren Fertigstellung erst im Juni 1906 zu erwarten war. Zugleich fand eine Instandsetzung der ganz zerrissenen und durch mehrfache Erweiterungen der Orgel in ihrer Stärke verringerten Westwand statt, welche schon vor einigen Jahren mehrfach verschlaudert worden war.

Von archäologischem Interesse ist es, daß die beschriebenen baulichen Ausbesserungen nebenbei zur Entdeckung der Reste von romanischen Rundfenstern im nördlichen Querschiff und von vielen romanischen Profil- und Zahnschnittsteinen führten, welch letztere beim gotischen Umbau in der Giebelwand, auch an einer Stelle in einem freistehenden Pfeiler, verwendet worden waren. Soweit es möglich war, wurden solche Steine nicht mehr verputzt, sondern sichtbar belassen. Unterhalb des Pfinzingchörleins fand sich eine Begräbnisstätte.

Neben diesen eigentlichen Bauarbeiten, deren Tempo aus Sicherheitsgründen bei den Vierungspfeilern nicht beschleunigt werden konnte und die infolgedessen zwei Jahre beanspruchten, nahmen die übrigen Instandsetzungsarbeiten an den dekorativen und Mobiliargegenständen einen ungestörten Fortgang.

Viele Arbeit verursachten die rings an den Chorwänden angebrachten steinernen Baldachine und Konsolen, deren zierliche Einzelheiten vielfach zertrümmert waren (Abb. [47]). Es fehlten größtenteils die Riesenspitzen, viele Ornamente und die Strebepfeiler. Die zu den Baldachinen gehörenden Postamente zeigten an den Ecken genau so, wie dies bei den Postamenten der zweiten Figurenreihe der äußeren Strebepfeiler der Fall ist, Säulenbasen. Da die Baldachinenden nun unterhalb eine glatte Fläche ohne abschließendes Glied (Rosette oder Profil) hatten, so lag bei oberflächlicher Betrachtung der Gedanke nahe, daß ursprünglich freistehende Säulenschäfte Basis und Baldachin verbanden, wie dies besonders in der französischen Gotik vorkommt. Diese auch von Kunsthistorikern ausgesprochene Annahme erwies sich jedoch als irrig. Denn abgesehen davon, daß in vielen Fällen schmale, oft dreieckige oder viereckige Postamente zu breiten, vieleckigen Baldachinen gehören, trifft da, wo Baldachin und Postament in der Grundform übereinzustimmen scheint, die vom Baldachin aus gefällte Senkrechte fast nie auf die Basis. Daß die Basen gewissermaßen als Rückbleibsel des hier vermuteten Entwicklungsganges anzusehen sind, war nicht zweifelhaft. Schlechte Ergänzungen in Holz aus der Barockzeit wurden bei der Restaurierung der Baldachine beseitigt, jedoch in der Sammlung aufbewahrt.

Sodann kam die Restaurierung der großen Anzahl von Statuen aus Holz, Stein und Ton an die Reihe, welche an den Pfeilern und Wänden des Ostchores angebracht sind. Die Kreuzigungsgruppe von Veit Stoß (Abb. [55], [56], [57]), die den bisherigen Heideloffschen Hauptaltar schmückte, wurde, da dieser nicht mehr aufgestellt werden sollte, allein oberhalb des Altares angebracht. Bei ihrer Restaurierung kam unter der Heideloffschen Bronzierung und einer dicken Farbkruste die alte Polychromie, zum Teil sogar noch sehr gut erhalten, zum Vorschein. Sehr erfreulich war es auch, als innerhalb des Christuskörpers eine Papierurkunde gefunden wurde, durch welche die Autorschaft des Veit Stoß bei dem 1526 geschaffenen Kunstwerke bestätigt wird. Diese Urkunde befindet sich nach stattgehabter photographischer Aufnahme auch heute noch an ihrer alten Stelle.

Abb. 47. Statue des Apostels Paulus mit Baldachin und Konsole im Ostchor.

Die übrigen Statuen im Ostchore sind teilweise von den Patrizierfamilien an ihren Platz gestiftet und stehen zu den Stiftern als Patrone in näherer Beziehung; zum anderen Teil sind sie aber ganz zufällig an ihren Standort gelangt und waren ursprünglich an anderer Stelle, ja in anderen Kirchen angebracht. Daß man dabei mit den manchmal vorzüglichen Kunstwerken nicht glimpflich umgegangen ist, zeigte der ruinöse Zustand der meisten Statuen, denen Hände, Arme und Füße sowie die beigegebenen Attribute oft abgeschlagen, auch hie und da willkürlich abgeändert waren. Wenn man, wie es in einer Rechnung des 17. Jahrhunderts heißt, bei der stattfindenden Restauration dem Hafner Auftrag erteilte, „die Götzen mit neuen leimenen (aus gebranntem Ton) Händen zu versehen“, so konnte dies den Wert der Kunstwerke nicht erhöhen; es waren oft rohe Naturabgüsse, welche weder in der Größe, noch in der Bewegung zu dem geschändeten Kunstwerk paßten.

Bei der gegenwärtigen Restaurierung wurde der Grundsatz befolgt, da, wo nach Abnahme späterer Zutaten bei einer wertvollen Figur, über deren dargestellte Person kein Zweifel bestand, eine künstlerische Ergänzung einwandfrei erschien, den ästhetischen Genuß durch die letztere wieder zu ermöglichen. Bei minderwertigen Statuen oder da, wo durch eine Änderung archäologische Zweifel hätten hervorgerufen werden können, wurde davon abgesehen. An allen Statuen kamen die ursprüngliche Polychromie, dazu die Damastmuster der Gewänder zum Vorschein und fanden sorgfältige Restaurierung, wobei allerdings auch spätere farbige Übermalungen, welche zum Teil mit alten Nachrichten belegt waren, beachtet wurden.