Abb. 46. Der heil. Christophorus. Wandgemälde im südlichen Seitenschiff.

Zunächst waren auch hier die beweglichen Kunstgegenstände in der Bauhütte, wo sie restauriert werden sollten, in sichere Verwahrung zu bringen. Sodann wurden die Bildtafeln: Maria mit Heiligen von Hans von Kulmbach 1513 (Taf. [XV]), Ecce homo aus dem Tucheraltar von Merian 1659, die Kreuztragung von 1485, die Auferstehung aus dem Muffelaltar, das Paradies von Kreuzfelder 1603, die Flügel des Petrusaltares mit zwölf Bildern und schließlich die Flügel des Annaaltärchens in die königl. Gemäldegalerie nach Augsburg zur Restaurierung durch Konservator Mayer gesendet. Zu gleichem Zwecke wurde eine kleinere Anzahl von Tafelbildern an Kunstmaler Bär übergeben. Dann war der ganze Ostchor im Innern einzurüsten, um alle Wände, Pfeiler und Gewölbe zu gleicher Zeit in Angriff nehmen zu können; hernach begann das Abschaben der Tünche.

Das Ergebnis war im allgemeinen das gleiche wie in der Westhälfte. Es trat ein gelblicher Grundton der Wände zutage. Die Gewölbekappen, mit schwarzen Strichen versehen, waren etwas heller. An den Schlußsteinen fand sich die von der Westhälfte her bekannte Polychromie der übrigens außerordentlich reizvollen Skulpturen und eine ornamentale Bemalung der Rippen in der Nähe des Gewölbeschlusses. Ferner eine rötliche Tönung der Fensterleibungen. Außerdem waren aber einzelne Partien der plastischen Wanddekoration, z. B. Statuen mit zugehörigen Baldachinen und Rückwandflächen (Abb. [47]), farbig behandelt, je nachdem wohl von den Patrizierfamilien, welche in den entsprechenden Jochen ihre Gräber und Totentafeln besaßen, eine Stiftung dazu stattgefunden hatte. Daher erwiesen sich einzelne Baldachine reich polychromiert und vergoldet, während ihre Nachbarn den schlichten Steinton zeigten.

An Wandmalereien wurde zunächst eine an die Restaurierung von 1657 erinnernde Tafel über dem Kaiserchörlein und ein Veronikatuch dortselbst aufgedeckt, bei welch letzterem die ursprünglich wohl vorhandenen Engel in die Apostel Petrus und Paulus umgewandelt waren, ferner figürliche Fragmente an der nördlichen und südlichen Sakristei, im Dreikönigschor und hinter dem Muffelaltar sowie Teppichmuster beim Tucheraltar und dem südwestlichen Chorpfeiler. Die Restaurierung all dieser Bildreste beschränkte sich auf das Notwendigste. Es wurde der archäologische Bestand möglichst erhalten und über ein vorsichtiges Austupfen der weißen Flecke innerhalb der farbigen Flächen nicht hinausgegangen. Die Fragmente behielten ihren Charakter als solche bei.

Weitere größere Wandmalereien zeigten sich bei den Tucherschen Chorstühlen. Über dem ersten westlichen Stuhl kam nach Wegnahme des Kulmbachschen Bildes eine Kreuzschleppung von 1473 (Gedächtnis der Frau Barbara Steinlinger) zutage, von welcher, so schlecht sie auch erhalten war, ein größerer Teil, eine isometrische Darstellung der Stadt Jerusalem, von der Wand auf Leinwand abgezogen werden konnte. Merkwürdigerweise fand sich darunter eine zweite frühere Kreuzschleppung, ebenfalls ein Steinlingersches Gedächtnis, allerdings in noch schlechterem Zustande vor; es gelang jedoch auch hier einige Teile, hauptsächlich Köpfe, abzuziehen und so zu erhalten.

Als in besserem Zustande erwiesen sich die Wandbilder beim Tucheraltar, nämlich eine Pilgerstätte und mehrere Heiligenfiguren. Den interessantesten Fund bildeten aber die in der Farbe auffallend gut erhaltenen Malereien aus der Apostelgeschichte (Abb. [106]), welche hinter dem Petrusaltar zum Vorschein kamen. Da dieser Altar mit seiner alten Mensa nicht versetzt werden konnte, so mußten auch hier die Bilder von der Wand abgezogen werden. Sie wurden auf eine Mörtelschicht gebracht und hinter dem Muffelaltar aufgestellt. Das gleiche geschah mit dem erwähnten in Öl gemalten Pilgerbild. Die Restaurierung fast aller Wandmalereien führte Kunstmaler Pfleiderer aus. Die Abendmahl- und Ölbergdarstellung hinter dem Tucheraltar, ein Ölgemälde aus dem Jahre 1423 wurde unter Preisgabe einer schlechten Übermalung vom Jahre 1627 durch Konservator Mayer restauriert.

Neben so erfreulichen Funden förderte das Abschaben der Tünche aber auch wieder manche bauliche Schäden zutage. Namentlich im romanischen Mauerwerk, sowohl beim Brauttor wie beim Dreikönigschor, fanden sich größere Hohlräume, die die Tragfähigkeit der Mauer schwächten und geschlossen werden mußten. Offene Lagerfugen waren an vielen Stellen zu verdichten. Immerhin waren im Ostchor lange nicht so eingreifende Schäden vorhanden wie in der Westhälfte, aus welcher eine Hauptaufgabe, die Erneuerung der jetzt zur Ostchorrestaurierung zugezogenen Vierungspfeiler, noch zu lösen war. Eine Untersuchung der Fundamente dieser Pfeiler sowie des Baugrundes führte nicht zu Bedenken. Die Bodenuntersuchung ergab mittelgroben trockenen Sand am Dreikönigsportal auf 9 m Tiefe, zwischen den Vierungspfeilern auf 4 m und am südlichen Turm auf 5·7 m, so daß sich für die nach der Tradition stattgehabte Fundierung des letzteren auf Pfählen keine Bestätigung ergeben hatte. Es konnte somit die Auswechselung am nördlichen Pfeiler nach dem früher beschriebenen Plane innerhalb der Eisenarmierung beginnen, nachdem vorher die benachbarten Böden abgebolzt und die auf denselben lastenden durch Balkenlöcher, große Risse und offene Fugen geschwächten Mauern instand gesetzt worden waren. Bei den Auswechselungen war größte Vorsicht erforderlich. Durch Hebelübertragung vergrößernde Zeigertafeln sollten jede Bewegung anzeigen. Auf Steinmaterial und Mörtelmischung wurde alle Sorgfalt verwendet und von den notwendigen neuen etwa 300 Quadern, die der Mörtelerhärtung wegen in möglichst großen Abständen eingesetzt wurden, kam täglich nur ein Stück zur Auswechselung. Trotzdem trat eines Tages eine Bewegung in der Mittelschiffmauer ein, welche durch weitere Abbolzungen und Ausmauerungen zur Ruhe gebracht wurde. Der Zustand des Pfeilerkernes, welcher jetzt vollständig erkannt werden konnte, erwies sich noch schlechter als man vermutet hatte, sodaß keine der angewendeten Vorsichtsmaßregeln hätte entbehrt werden können. Im Juli 1905 waren die Arbeiten am nördlichen Pfeiler beendet.[VI]