Als das Gepolter und Gedonner aufhörte, machte der Lord mit John, Heinz und dem Professor einen Rundgang durch die Sannah, um genau zu untersuchen, ob die Decke nirgends beschädigt und durchschlagen worden sei. Zu seiner großen Beruhigung und Befriedigung fand er, daß die treffliche Metallhülle dem wuchtigen Hagel durchweg standgehalten hatte und keinerlei Verletzung erkennen ließ. Außen hatte sie ja gewiß Beulen, Schrammen und Schrunden davongetragen, danach konnte man zur Zeit nicht sehen, denn dort draußen gähnte der leere Raum. Die Hauptsache aber blieb, daß der Mantel nirgends durchlöchert war und so die kostbare Luft nicht entweichen konnte.

Als die Männer von ihrem Rundgang zurückkehrten, hatte Münchhausen auch seine Mahlzeit beendet, die er nach Überwindung des ersten Schreckens fortgesetzt hatte.

„Ihre Ruhe ist beneidenswert,“ sagte Schultze kopfschüttelnd: „Während wir, von der Sorge um unser Leben getrieben, nachsehen, ob die Sannah kein verhängnisvolles Loch davongetragen habe, lassen Sie sich’s ruhig schmecken, als sei nichts geschehen und nichts zu befürchten.“

„Sie halten das ja wohl für sträflichen Leichtsinn und tadelnswerte Gefräßigkeit,“ erwiderte der Kapitän: „In Wahrheit jedoch ist es vernünftige Philosophie und Überlegung. Denn, sagen Sie selber: wenn Sie zu viert ausziehen, nach einem etwaigen Schaden zu sehen, wozu soll ich als fünftes Rad am Wagen mittrotteln? Und schließlich, entweder die Sannah hat eine gefährliche Verletzung davongetragen oder nicht. Ist sie unbeschädigt, so wäre die Unterbrechung meiner Mahlzeit zum mindesten überflüssig gewesen, wäre jedoch ein gefährliches Leck vorgefunden worden, so hätte sie auch da rein gar nichts helfen können; im Gegenteil, mit leerem Magen steht man einer Gefahr viel hilfloser und schwächlicher gegenüber als mit dem Gefühl der Sättigung, das einen zu ruhigerer Überlegung befähigt.“

„Na! Allenfalls hätten Sie mit wohlgefülltem Wanst unter Umständen auch ein großes Loch mit Ihrer werten Persönlichkeit verstopfen können, bis wir es kalfatert hätten, um den Luftaustritt zu verhindern,“ höhnte Schultze.

„Spotten Sie nicht,“ mahnte der Kapitän würdig, „zu solcher Aufopferung wäre ich stets bereit gewesen und auf ähnliche Art habe ich sogar schon einmal ein großes Schiff vor dem sichern Untergang gerettet.“

„Oho! Erzählen Sie!“ rief Flitmore, sich in einen Sessel werfend.

„Gerne!“ erklärte Münchhausen bereitwillig. „Es ist gar nicht so lange her: meine zunehmende Leibesfülle erschwerte mir bereits meinen Dienst als Schiffskapitän, als mein stattliches Schiff eines Tages auf ein unterseeisches Riff aufstieß, das auf keiner Seekarte verzeichnet war. Wir bekamen ein Leck von solcher Größe, daß trotz allen Pumpens der untere Schiffsraum sich fabelhaft rasch mit Wasser anfüllte. Unser Untergang schien unvermeidlich, denn eine Küste, wo wir hätten landen können, war nicht in Sicht. Die Felsspitze, die uns so verhängnisvoll geworden war, mußte einer einsamen unterseeischen Insel angehören.

Ich begab mich mit dem Schiffszimmermann und zwei Matrosen hinunter, um zu sehen, ob dem Leck denn gar nicht beizukommen sei; doch es befand sich schon völlig unter Wasser. Auf einem schmalen Balken turnte ich über dem gurgelnden Naß gegen die Schiffswand, als ich plötzlich ein schlangenähnliches Wesen da unten herumplätschern zu sehen vermeinte. Bald tauchten drei, vier solcher Schlangen von etwa sechs Meter Länge auf. Kein Zweifel! Ein Riesenkraken, auch Polyp oder Tintenfisch genannt, streckte seine schrecklichen Fangarme durch das Leck ins Schiffsinnere; sein Leib, so weich und elastisch er war, konnte wegen seiner kolossalen Dicke nicht eindringen.

Plötzlich schnellte so ein Riesenarm auf mich zu, und wie ich erschreckt ausweichen will, verliere ich das Gleichgewicht und stürze ins Wasser.