Schultze zuckte die Achseln: „Die Gravitationsgesetze erleiden keine Ausnahme; jeder Weltkörper ist ihnen unterworfen; und da unser Weltschiff zu solch einem Weltkörper im unendlichen Raume geworden ist, muß er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.“

„Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf,“ nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, „diese verhängnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?“

„Das ist diejenige Kraft,“ klärte der Professor den Wißbegierigen auf, „die alle Planeten, das heißt die Weltkörper, die sich um die Sonne drehen, in ihren Bahnen erhält. Der unsterbliche Isaak Newton hat als erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts anderes ist, als die Schwerkraft: alle Weltkörper ziehen einander an und je größer ihre Masse ist, desto stärker ist ihre Anziehungskraft.“

„Dann aber müßte doch sozusagen einer auf den andern fallen,“ warf Rieger ein: „voraussichtlich die kleinen auf die größeren, wie zum Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.“

„Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn!“ lobte Schultze; „aber der Mond wird nicht bloß von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und alle Weltkörper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und durch diese Eigenbewegung überwinden sie wieder bis zu einem bestimmten Grad die Anziehungskraft, so daß es eben diese Kraft ist, die in ihren Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhält. Allerdings kommen auch Störungen in der regelmäßigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskörper sich auf ihren Wegen nähern und dadurch eine verstärkte Anziehung aufeinander ausüben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt.

So hat man berechnet, daß die Erde mindestens elf Bewegungen ausführt: 1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verändert sich die Form der Erdbahn um die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nähert, bald wieder der Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, läßt den Pol des Äquators in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond eine Anschwellung der Erdmasse am Äquator hervorruft, die eine Art Ebbe und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes unseres Erdballs verändert sich allmonatlich ebenfalls infolge der Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus, verursachen Störungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der letzteren, sondern ist veränderlich. Es wäre übrigens leicht, noch mehr Bewegungen auszurechnen.“

„Du siehst, John,“ sagte Flitmore lachend, „wenn du in einem fahrenden Schnellzug auf und ab spazierst, die Hände schlenkernd und dabei die Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt, gar 17.“

„Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befürchtung unseres Professors, daß wir nun ewig um die Sonne kreisen werden?“ fragte Heinz Friedung.

„Damit hat es keine Gefahr,“ erwiderte Flitmore. „Schultze ließ einen Hauptumstand außer acht. Ich habe überhaupt eine besondere Ansicht über die Gravitation; ich glaube, daß zwei Kräfte dabei tätig sind, eine Anziehungskraft und eine gegenseitige Abstoßungskraft, wie man ja auch annimmt, daß die Moleküle und Atome eines Körpers einander zwar anziehen aber doch nicht berühren, weil sie einander auch abstoßen. Der Ausgleich dieser beiden einander entgegenwirkenden Kräfte bestimmt meiner Ansicht nach den gegenseitigen Abstand, den die Himmelskörper einhalten; so erkläre ich mir auch, daß die flüchtigen Stoffe der Kometen bei der Annäherung an die Sonne bis zu einem gewissen Punkt angezogen, von da ab aber abgestoßen werden und so die Kometenschweife bilden.

Für uns aber ist die Hauptsache, daß der Strom, der in der Sannah kreist, die Anziehungskraft überhaupt aufhebt und nur die Fliehkraft wirken läßt, so daß kein Weltkörper uns in seinen Bannkreis zwingen kann, so lange der Strom geschlossen bleibt.“