„Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!“ lachte der Professor. „Damit werden Sie in der wissenschaftlichen Welt schwerlich durchdringen.“

„Möglich! Aber das ist meine Überzeugung. Ein ganz allmählicher Übergang der Atmosphäre in den umgebenden Raum ist nur dann möglich, wenn der Raum eben die gleichen Stoffe enthält, wie die Luft, freilich in äußerst dünner Verteilung. So mag die Erde einerseits beständig etwas von ihren obersten dünnsten Luftschichten an den Raum verlieren, sie wird aber andererseits auch beständig aus dem durcheilten Raum wieder Ersatz anziehen.“

„Bravo!“ rief Heinz: „Diese Theorie allein scheint mir genügend zu erklären, wieso die Erde ihre Lufthülle durch die Jahrtausende in gleicher Dichte und stets erneuerter Reinheit bewahren kann.“

„So ist es,“ bestätigte der Lord: „Und weiter folgt daraus, daß jeder Weltkörper entsprechend seiner Masse und Anziehungskraft, sowie seiner Rotations- und Umlaufgeschwindigkeit sich aus dem Raum eine Atmosphäre angezogen haben muß, die eben durch seine Attraktion verdichtet und an seiner Oberfläche am dichtesten geworden ist.“

„Das hieße also: kein Weltkörper ohne Lufthülle?“ fragte Schultze.

„Das wäre allerdings die notwendige Folge meiner Annahme.“

„Lassen wir das dahingestellt,“ fuhr der Professor kopfschüttelnd fort: „Das Rätsel, von dem ich reden wollte, ist dies: da wir uns im leeren Raum, oder, wie Sie wollen, in äußerst verdünnter ätherischer Luft befinden, muß in unserer Umgebung eine Temperatur herrschen, die dem absoluten Nullpunkt nahe kommt, das heißt 273 Grad unter Null. Nun mag die Schutzhülle unserer Sannah noch so vorzüglich sein, ebenso Ihr Heizungssystem; wir müßten dennoch den Einfluß einer so ungeheuren Kälte spüren. Ich aber spüre nichts Derartiges, vielmehr ist es stets gleichmäßig behaglich warm.“

„Über die Temperaturverhältnisse des Raumes sind wir völlig im unklaren,“ entgegnete der Engländer: „Die beständige Abnahme der Temperatur ist schon innerhalb der Erdatmosphäre widerlegt, in welcher bekanntlich die große Inversion stattfindet: die unterste Luftschicht ist 3 bis 4 Kilometer hoch und befindet sich in steter Unruhe und Bewegung; über ihr befindet sich eine ruhigere, trockene, kalte Luftschicht, in der die Temperatur bis zu 85 Grad unter Null abnimmt. In einer Höhe von 10 Kilometern aber beginnt die dritte, sehr gleichmäßige, ruhige und trockene Schicht, die wieder wärmer ist und bei 14 Kilometer Höhe 52 bis 57 Grad unter Null aufweist. Die Theorie der ‚Strahlung‘ von Licht und Wärme halte ich für eine völlig verfehlte: sie müßte zu ganz unmöglichen Folgerungen führen. Bedenkt man, mit welcher Geschwindigkeit die Erde durch den Raum eilt, so daß in jedem Augenblick neue, zuvor im Raum verlorene Sonnenstrahlen sie treffen, so müßte man annehmen, daß sie überhaupt kein Licht und keine Wärme von der Sonne empfangen könnte, falls nicht der Raum, den sie durchwandert, erleuchtet und erwärmt wäre. Meiner Ansicht nach pflanzt sich Licht und Wärme in der Weise fort, daß die erleuchteten und erwärmten Stoffteile des Raumes sie einander durch Berührung weitergeben, meinetwegen als Schwingungen. Je dünner die Materie ist, desto rascher gibt sie die Schwingungen weiter und desto weniger speichert sie an Licht und Wärme auf; je dichter sie ist, desto mehr absorbiert oder verschluckt sie, speichert davon in sich auf oder wirft die Strahlen zurück, wobei es auf die Art des Stoffes ebenfalls ankommt, auf seine Leitungsfähigkeit, Färbung und so weiter.“

„Sie haben recht, Lord,“ mischte sich nun Kapitän Münchhausen in das Gespräch: „Auf den höchsten Berggipfeln, die infolge der mangelnden Erdwärme ewig in Eis und Schnee starren, brennt die Sonne viel heißer als unten in der dichten Atmosphäre. Warum? Die dünne Luft gibt ihre Wärme rascher ab, wobei sie sich selber weniger durch Aufspeicherung erwärmt; der Raum, durch den wir fliegen, ist jedenfalls weit kälter als die Bergluft, aber durchaus nicht so bodenlos kalt, wie man annimmt, und bei Tag werden wir es erfahren, daß die Sonnenstrahlen uns tüchtiger einheizen als irgendwo auf der Erde.“

„Und da eine Hälfte unserer Sannah stets Sonnenlicht genießen wird,“ fügte Heinz bei, „so denke ich, werden wir nie unter zu starker Abkühlung zu leiden haben.“