„Gewiß, meine Liebe,“ sagte der Lord, „die Lebensgefahr bestand darin, daß sich unser Fahrzeug infolge der ungeheuren Hitze sofort in Dampf aufgelöst hätte. Die Wärme, die wir nun aber spüren und die allerdings sehr lästig ist und auf die Dauer nicht auszuhalten wäre, beweist uns, daß wir die Korona der Sonne bereits durchflogen und hinter uns haben. Wäre die Katastrophe eingetreten, so hätten wir gar nichts gespürt, so plötzlich wäre alles gekommen; diese allmählich sich steigernde Hitze jedoch weist darauf hin, daß die Sannah an ihrer Oberfläche sehr heiß wurde, ohne jedoch wesentlich Schaden gelitten zu haben. Durch die feuerfeste Umhüllung und die dicke Guttaperchaauspolsterung aller Räume, sowie die in diesen enthaltene Luft ist die Temperatur in diesen untersten Gelassen nur langsam und verhältnismäßig wenig gestiegen.“

„Das glaube ich“, sagte Münchhausen: „Sind doch nach allen Seiten hin nicht weniger als 7 Zimmer oder Stockwerke von je drei Meter Höhe zwischen uns und der äußeren Umhüllung, 7 Säle mit gummibelegten Decken und Fußböden, so daß uns 14 Schichten von geringster Wärmedurchlässigkeit beschützen, getrennt durch 7 drei Meter hohe Lufträume, ganz abgesehen von der starken Außenhülle.“

„Aber ist es nicht möglich, daß wir uns noch in den Flammen befinden?“ fragte nun Heliastra: „Dann würde die Hitze ganz allmählich steigen, aber wir würden sie bald nicht mehr aushalten.“

„Ganz ausgeschlossen!“ sagte Schultze. „Bei der rasenden Eile unsrer Fahrt mußten wir schon längst wieder aus der Sonnenkorona ausgetreten sein, ehe die Temperaturerhöhung in ihrem allmählichen Fortschreiten sich hier unten bemerkbar machte.“

„Dann aber möchte ich ganz ergebenst die bescheidene Bemerkung aussprechen,“ sagte John, „daß wir nach oben gehen in die frische Luft, denn ich schwitze, wenn es zu sagen gestattet sein sollte, wie ein sogenannter Magister!“

„Geduld, Geduld, mein Sohn!“ lachte Schultze. „Das müssen wir nun schon eine Weile aushalten. Zum ersten sind wir der Sonne noch so nahe, daß ein Spaziergang ins Freie vorerst ganz ausgeschlossen ist, wenn wir nicht braten sollen; zum zweiten ist die Hitze in den oberen Gemächern zweifellos weit schlimmer als hier im untersten; sie müßte wachsen, je höher wir steigen. Wir müssen erst eine gründliche Abkühlung abwarten.“

„Da werden wir wohl noch lange Geduld haben müssen,“ meinte Heinz, „denn die Sonne dürfte bei ihrer Nähe derart auf die Sannah brennen, daß von einer Abkühlung vorerst überhaupt keine Rede sein wird.“

„In zwei Stunden,“ sagte der Lord, „können wir ohne Sorge den Aufstieg wagen. Erstens muß eine verhältnismäßige Abkühlung selbstverständlich eintreten, da der Temperaturunterschied doch ein ganz gewaltiger ist zwischen der Korona selber und ihrer bloßen Nähe; zweitens entfernen wir uns mehr als blitzschnell von der Sonne; drittens dreht sich ja unsre Sannah um sich selbst und kehrt stets nur eine Seite der Sonne zu; die von der Sonne abgekehrte Seite wird sich aber sehr rasch und stark abkühlen. Endlich übt die bloße Bestrahlung durch die Sonne, wenn diese auch noch sehr nahe ist, ihre Einwirkung nur in sehr geringem Maße bis in die Innenräume aus.“

Es zeigte sich, daß der Lord recht hatte; die furchtbare Hitze nahm verhältnismäßig rasch ab und nach zwei Stunden konnten unsre Freunde bereits ins Zenithzimmer hinaufsteigen, das gerade von der Sonne abgewendet war und Nacht hatte.

Allerdings herrschte dort noch eine gelinde Backofenhitze, aber dadurch, daß sämtliche Verbindungstüren der Innenräume geöffnet wurden, konnte ein starker kühlender Luftzug erzeugt werden; überdies konnte man auf der Nachtseite auch die Außenlucken öffnen und es strömte eine zwar mehr als laue, aber doch frische Luft ein, die nach der ausgestandenen Hitze den Eindruck wohltuender Kühle machte.