Durch die Lucke des Zenithzimmers stieg Flitmore ins Freie hinaus, um zu sehen, was die Umhüllung der Sannah bei der Fahrt durch die Glutatmosphäre der Sonne gelitten habe.

Er fand, daß der Flintglasbelag fast vollständig abgesprungen war; die äußerste Metallumhüllung war geschmolzen, aber fast beinahe überall noch dicht, da sie nach Verlassen der Sonnenkorona rasch wieder erstarrt war; an einzelnen Stellen freilich zeigten sich Löcher, da war die Umhüllung in ihrer ganzen Dicke durchgeschmolzen. Doch das wollte nun nicht viel besagen, denn einer ähnlichen Hitze würde man ja wohl nicht wieder standzuhalten haben.

Als der Lord ins Zimmer zurückkehrte, sagte Mietje: „Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie wir so unbeschädigt durch die flammende Sonnenatmosphäre kommen konnten.“

„Ein Wunder göttlicher Bewahrung ist es gewiß!“ sagte ihr Gatte. „Aber das natürliche Mittel, durch das er uns hindurchhalf, ist die ungeheure Geschwindigkeit, mit der er unser gebrechliches Fahrzeug seine Bahn durcheilen ließ. Du hast ja wohl selber schon probiert, meine Liebe, wie du deinen Finger unbeschädigt, ja ohne nur auch eine Wärmeempfindung zu verspüren, durch die Flamme eines Lichtes bringen kannst, wenn du es schnell genug ausführst. Ganz so kurz verweilten wir nun freilich nicht in den Sonnenflammen, aber doch auch gewiß nicht mehr als zwei Minuten, und für diese kurze Zeit genügte unsre Schutzhülle, um den Gluten stand zu halten, die schon einige Zeit brauchten, um nur die Flintglashülle zu sprengen. Daß die Hitze im Innern nicht unerträglich wurde, obgleich das Metall an der Außenfläche angeschmelzt wurde, darf uns nicht wundernehmen, wenn wir uns erinnern, daß dies auch bei Meteoren der Fall ist.“

In blendendem Glanze strahlte der Planet Merkur durch das offene Fenster des Zenithzimmers. Die Sannah mußte ganz in seiner Nähe vorbei und er schien mit ungeheurer Schnelligkeit sich zu nahen.

Dieser Planet, der zu 3/8 ewige Nacht und zu 3/8 ewigen Tag hat, während der vierte Teil seiner Oberfläche allein den Wechsel von Tag und Nacht kennt, die im Durchschnitt 44 Erdentage währen, kehrte beinahe seine volle erleuchtete Seite der Nachtseite der Sannah zu.

Um ihn dauernd beobachten zu können, sowie um sich nicht der Sonnenhitze auszusetzen, begaben sich unsre Freunde, entsprechend der Umdrehung der Sannah, jedesmal in dasjenige Zimmer, das gerade Mitternacht hatte. Jede halbe Stunde mußte ein solcher Zimmerwechsel vorgenommen werden.

Schultze fühlte sich veranlaßt, einige Belehrungen über den Merkur loszulassen:

„Die große Sonnennähe dieses Planeten,“ sagte er, „hat seiner Beobachtung von der Erde aus die größten Schwierigkeiten entgegengesetzt. Aus den Veränderungen, die Schröter an den Spitzen der Merkursichel, den sogenannten Hörnern, wahrzunehmen glaubte, berechnete Bessel seine Umdrehungsdauer zu 24 Stunden. Dagegen schloß Schiaparelli 1883 aus Flecken und Streifen, die er wahrnahm, auf eine Rotationsdauer von 88 Tagen; das heißt, Merkur würde der Sonne stets dieselbe Seite zukehren, wie der Mond der Erde, und würde sich in der gleichen Zeit um sich selbst drehen, wie um die Sonne.

Allein es wurde nachgewiesen, daß jede Kugel mit glatter, gleichmäßig gefärbter Oberfläche bei unvollständiger Beleuchtung dunkle Streifen zeigt, die auf einer notwendig eintretenden Sinnestäuschung beruhen, so daß Schiaparellis Berechnungen fragwürdig erscheinen, weil sie auf die Beobachtung eben dieser Streifen sich aufbauten.