Randbemerkung zu einer niaiserie anglaise. – „Was du nicht willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.“ Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral, – als „güldener Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?) glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff aus. Der Kalkul: „tue nichts, was dir selber nicht angetan werden soll“ verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer vergolten wird. Wie nun, wenn jemand, mit dem „Principe“ in der Hand, sagte: „gerade solche Handlungen muß man tun, damit andere uns nicht zuvorkommen, damit wir andere außer Stand setzen, sie uns anzutun“? – Andrerseits: denken wir uns einen Korsen, dem seine Ehre die vendetta gebietet. Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn nicht ab, seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht in allen anständigen Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte, – das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.

Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen Typus Mensch verrät: es ist der Instinkt der Herde, der sich mit ihm formuliert, – man ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. – Hier wird wirklich an eine Äquivalenz der Handlungen geglaubt, die, in allen realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es kann nicht jede Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen „Individuen“ gibt es keine gleichen Handlungen, folglich auch keine „Vergeltung“.... Wenn ich etwas tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es gehört mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man würde immer eine „andere“ Handlung gegen mich begehen. –

559.

Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der Tiefe. Es gibt auch eine andere Art Barbaren, die kommen aus der Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar.

560.

Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen.

1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?

2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und Unglück?

3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und unerbittlicher?

4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder „unmenschlicher“?