Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine unendliche Fülle von einzelnen Notizen, die sich in einer großen Anzahl von Heften finden. Die bisherigen Ausgaben stellten sich die Aufgabe, von diesem Gedankenreichtum nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte. Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich davon überzeugen, mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast die mühevolle Aufgabe gelöst haben, die schwer lesbaren Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen unter die gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift oder zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es unmittelbar für das neue Ganze nötig war. Es ist nicht leicht, diese oft so lockenden Gedanken wegzulassen; es war auch für eine erste Ausgabe das Rechte, sie dem Leser nicht vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das Sichzurechtfinden in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.
Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus den Manuskripten wenigstens dem Sinne nach das zu machen, was Nietzsche selbst vorschwebte: eine Darstellung seiner Grundlehre; zugleich aber dem neugeordneten Werke eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht gestattet und so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen in die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, was den Grundgedanken, des „Willen zur Macht“, erklärt. Dann kam es darauf an, das Vorhandene so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches Grundlehren entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich, die sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der „Übermensch“; andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten nur gelegentlich auf. Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber in diesen Fällen vor; der systematische Aufbau läßt vielmehr das an früheren Stellen laut Betonte hier nur als einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So geht der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen, großen Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller Dinge, von der es einst scheinen konnte, sie zähle zu den Hauptlehren, wird eines unter den verschiedenen Mitteln zur Zucht des großen Menschen, wenn auch eines der entscheidenden. Gerade in dieser Ausgeglichenheit der Werte liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft zur Nachfolge seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß ein so geartetes Werk, dem Eindruck bestimmt, ihn auch im weitesten Kreise machte. Der Prophet will wirken, beeinflussen – dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört starke Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund stellen will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen, aus Geschichte und Natur erläutern, wohl gar beweisen. Hier ist der ordnende Intellekt an der Arbeit, der systematisch aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den heiligen Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu zeigen, aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen ist, und wie sie die Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden zu erklären vermag.
Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln erwachsen, je nach der Persönlichkeit des Philosophen. Die Versenkung ins All, in die unmittelbare Tiefe der Dinge kennzeichnet den Typus des Metaphysikers und Mystikers. Die Vereinigung der letzten wissenschaftlichen Ergebnisse den wissenschaftlichen Philosophen. Das Ausgehen vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in der Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem der Mensch das interessanteste Problem ist. Vom ersten bis zum letzten seiner Werke ist Nietzsche Kulturphilosoph. Von der Kultur der Griechen – dem höchsten Kulturtypus – schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke zu Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum stand im Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu werden, um doch da zu sein. Vom Christentum führt auch der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart, noch mehr zur neu zu schaffenden Zeit, zu der Zukunft, die durch den starken Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll.
Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von einer Ewigkeit, einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker tun. Eine Zeit ist nur aus den Werten bestimmbar, an die sie glaubt: denn alles Handeln ist ein Werten, jede Bewegung will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte ordnen sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt hat. Unsere Zeit hat keine festen Werte; „das Eis, das uns noch trägt, ist so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes.“ Uns fehlt jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, da der einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang ist, der christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten Wert, den man genau kannte, gab ihm Selbstachtung und dem Übel einen Sinn. An sich selbst hat Nietzsche das Dahinschwinden des christlichen Glaubens empfunden, er, der Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht. Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte, daß sie Erbgut in ihm waren, besonders jener vom Christentum anerzogene Glaube an die Wahrhaftigkeit. Schwindet er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, daß es überhaupt keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: die Ziellosigkeit an sich wird der Wert, der Nihilismus ist da.
Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, woher mußte die Auflehnung gegen das Christentum entstehen? Nach Nietzsche ist die Ablehnung des Christentums Abweisung der décadence, das heißt der Lehre der Erschöpften, der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer, die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der Dinge der Welt wünschen. Unsre bisherige Moral ist im Grunde christliche; sie ist aber gleichzeitig die Moral der schwachen Menge, die sich gegen die gefährlichen Starken auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere Klugheit, feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt. In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre seines Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat.
Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende ist ihm zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein Bejahendes deutlich zu machen, als nötig zu erweisen. Zu Taten will er die Menschheit befähigen, da er ein Philosoph ist, das heißt für ihn ein Werteschaffer; unserer Zeit aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes nicht im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten Buch aufgerichtet wird: in diesen liegt nach der Absicht Nietzsches die Deutung der Zukunft.
Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem Worte zu sagen: auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, da kürzt er nur das Wort; es müßte da stets heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste Form er die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung: „Ich verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Daher kann es für ihn keine allgemeine Moral geben. Streng genommen gibt es nur eine Moral für jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten zusammen, so gibt es Moralen für die Starken und die Schwachen, die Gesunden und die Kranken. Hier berührt sich die Lehre mit modernen Ideen, die, von ihr unbewußt oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach Anlagen einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in jedem die Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus jedem alles zu machen. In strenger Selbstuntersuchung, sich selbst verantwortlich, hat ein jeder festzustellen, „wer bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, daß sein Ich ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein, alle Leiden gern als notwendig mit auf sich nehmend. Streng und unerbittlich, hart gegen sich, wie nur je ein Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des Lebens viel leidender, viel gequälter.