Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die den Mut zu diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen Leben haben. Wer diese lehrt, wird notwendig manches angreifende, kriegerische Wort für die entgegengesetzte Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ Die Moral der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa nur geduldet – ein ihm furchtbares Wort –, sie wird gewünscht, weil für nötig befunden. Aber sie soll nicht die herrschende sein, sie soll nicht sich alle „Moral“ zuschreiben; sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und unmoralisch, weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive der Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will Erhaltung, oft Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens freie Bahn, die das Alte oft zerbrechen muß, um neue Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah voraus, daß es „dem nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe rumoren wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen werden – hat unser Geschlecht, das des größten Krieges der Weltgeschichte, wirklich das Gefühl in sich, daß es den alten Werten gehorcht? Neues, Starkes kommt, weil es kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht gar der Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat?
Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die Moral; glaubt er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren Gegensatz falsch sein muß? Nein, auch diese Wahrheit ist ihm wie jede andere nur „eine Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt.“ Jeder Sinn, der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die sich der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr zu werden, um sein Machtgefühl über die Dinge zu steigern, um seinen unbezähmbaren Willen zur Macht auszuüben. Es gibt vielerlei Wahrheiten von den Dingen, jede Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem Leben dienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein und Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie sehr nahe, die neuerdings unter dem Namen der „Philosophie des Als-Ob“ so großes Aufsehen gemacht hat. Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes liest, nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph sei – von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist stärkste Anregung auf unsere Zeit ausgegangen. Er hat, mag er auch Darwin bekämpfen, so doch aus dem Geiste der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und nun verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht ist, der unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch, in alle Tiefen unserer Weltanschauung hinein. Aber nicht unser Erkennen allein – selbst nur eine Sonderart der Natur – ist Wille zur Macht, die Natur ist es in ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben – alles Leben Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte anhäufen, die ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren möchten, sind die letzten Erklärungen, die es für alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle Veränderung läßt sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie ruht, stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will – mit dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen wir die für uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“ der Welt, Macht über sie. „Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem. Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem.“
Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser Beurteilungsweise wert. So entsteht eine Rangordnung der Menschen nach ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig, darauf hinzuweisen, daß es sich hier nicht um jene äußere Macht handelt, die mit Kanonen sich durchsetzt? Daß es sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt, die stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern, die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen, die so stark strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte verschwendet, die im Herrschen über sich und andere ihre Pflicht findet. Solche Aristokratie ist angeboren, ist „Geblütsadel“. „Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘ und vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So darf man auch denen zurufen, die das Wort Macht bei Nietzsche vergröbern, um dagegen zu kämpfen.
Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer des Neuen; sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen die Welt einfach dadurch, daß sie da sind. Nicht ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es geht hier mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, so erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken sie nur Wahrheiten aus, die sich in der Menschheit stets wieder als ganz natürliche Erlebnisse erweisen. Hat nicht die Erregung der Kriegszeit gezeigt, wie sehr die Menschen dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, herrschende Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der neue Werte aufstellt und beweist, daß er einen starken, langen Willen hat, der imstande ist, sich gegen eine Welt von Hindernissen durchzusetzen. Auf seinen Wink tun sie alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis zum Aufgeben des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich die Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen ankommt, daß sie herangezogen werden müssen, wenn die anderen nicht untergehen sollen. Dann sieht man auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust, wenigstens nicht die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen. Das Glück dieser Großen liegt allein „in dem herrschend gewordenen Bewußtsein der Macht und des Sieges.“ Darf man von ihnen die Moral des Mitleids, Rücksichtnahme, Milde verlangen – oder wünscht nicht die Menge sie hart, unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen sie sein und vornehm – die beiden Haupteigenschaften, die Nietzsche von „seinen“ Menschen verlangt.
Diese großen schaffenden Menschen – der Theorie oder der Praxis – greifen mit mächtiger Hand in das Rad des Daseins; sie drehen seine Speichen ein Stück vorwärts, indem sie das Gefühl in sich tragen, der Welt neue Kräfte gewinnen zu müssen, nicht anders zu können, als Welt zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen nicht nach dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren Gründe, auf denen es ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit und seine Untiefen – und gewinnen daraus Einsicht und Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht daran zu erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören, zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu werden, um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen „Ja“ zum Gesamtdasein und können darum zu keinem Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit verschlingt alle Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein bejahen muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt, der einzigen Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs. Sie kennen keine seiende Welt, nur eine werdende, eine sein sollende, an der Menschen ihr und der Welt Geschick zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet, wächst ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun, dieser Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle, dem Reichtum ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt hinüberströmen zu lassen. Sie sehen auf diese Welt als ihr Werk und wünschen sich nur eins: stets wieder an ihr zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von neuem wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen, so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen wird, möchte es wiederkehren: in gleicher Form unendlich oft in ewiger Wiederkehr. Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen entstammend, gibt ihnen Kraft – und diese neue Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber gehen an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich oft wiederkehren möge – und hier wie überall trennen sich denn die Menschen in ihrem Glauben, ihrem Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen notwendig in die Starken und die Schwachen, weil dieser Unterschied ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem Grade des Willens zur Macht.
Max Brahn.
Inhalt.
| Seite | |
| Vorwort | [V]-[XIV] |
| Erstes Buch: Der europäische Nihilismus | [1]-[45] |
| 1. Geschichte | [1] |
| 2. Wesen und Ursache | [14] |
| 3. Krisis | [32] |
| Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte | [46]-[120] |
| (Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.) | |
| I. Moral: | |
| 1. Entstehung und Sieg | [46] |
| 2. Die moralischen Ideale | [71] |
| 3. Philosophie und Moral | [99] |
| 4. Philosophie und Wissenschaft | [107] |
| 5. Freie Philosophie | [116] |
| II. Religion: | |
| 1. Entstehung | [120] |
| 2. Christentum | [131] |
| Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung | [156]-[307] |
| I. Die neue Deutung der Welt | [156] |
| II. Der Geist – ein Machtwille: | |
| 1. Wahrnehmung | [163] |
| 2. Erkenntnis | [177] |
| a. Allgemeines | [177] |
| b. Logik und Wissenschaft | [185] |
| c. Ursache und Wirkung | [195] |
| d. Ich und Außenwelt | [204] |
| 3. Metaphysik | [206] |
| Die „wahre“ Welt | [206] |
| III. Die Natur – ein Machtwille: | |
| 1. Die anorganische Natur | [219] |
| 2. Die organische Natur | [229] |
| 3. Der Mensch als Naturwesen | [239] |
| IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille: | |
| 1. Der Mensch als geselliges Wesen | [253] |
| 2. Der Staat | [266] |
| V. Kunst – ein Machtwille | [277] |
| Viertes Buch: Zucht und Züchtung | [308]-[376] |
| 1. Die Rangordnung | [308] |
| 2. Der züchtende Gedanke | [347] |