3. daß die Schwächegefühle, die innerlichsten Feigheiten, der Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind;
4. daß alles Große am Menschen umgedeutet worden ist als Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die Entpersönlichung als die Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist;
5. daß die Liebe gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus), während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die ganzesten Personen können lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten Liebhaber (– man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen. (Der Egoismus als die Ver-Ichlichung, der Altruismus als die Ver-Änderung).
6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung, eine Art Vermauerung aus Furcht; einmal will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (– und sie in der Entwicklung zerstören....), andrerseits alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.
118.
Die Überreste der Naturentwertung durch Moral-Transzendenz: Wert der Entselbstung, Kultus des Altruismus: Glaube an eine Vergeltung innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ selbst, wie als ob das eine wie das andere Folgen der Entselbstung wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (– letzterer so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene Pseudorechtfertigung, jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist sieht....).
119.
„Die Moral um der Moral willen“ – eine wichtige Stufe in ihrer Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder von sich abtrennt und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.
„Die Kunst um der Kunst willen“ – das ist ein gleichgefährliches Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, – es läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins Häßliche) hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „Das Schöne um des Schönen willen“, „das Wahre um des Wahren willen“, „das Gute um des Guten willen“ – das sind drei Formen des bösen Blicks für das Wirkliche.