Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres, Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres als menschliche Kritik und Anmaßung von vornherein zur Lächerlichkeit verurteilt erscheint. Es drückt sich darin ein Bedürfnis aus, welches verlangt, daß unserem menschlichen Wohlbefinden die Einrichtung der Welt entspricht; auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin zu tun.

Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ jenes andre Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen nämlich darum, was ist, ist bereits eine Konsequenz jenes Fragens „wie? ist es möglich? warum gerade so?“ Die Verwunderung über die Nichtübereinstimmung unsrer Wünsche und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes „so sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, – –

131.

Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. Nichts von alledem, was überhaupt geschieht, kann an sich verwerflich sein: denn man dürfte es nicht weghaben wollen: denn jegliches ist so mit allem verbunden, daß irgend etwas ausschließen wollen alles ausschließen heißt. Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene Welt überhaupt....

Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde auch noch das Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz einer Denkweise, welche alles verwirft, wäre eine Praxis, die alles bejaht.... Wenn das Werden ein großer Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig, notwendig. – In allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen und Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive, ein Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an sich redet alles, was ist, das Ja.

132.

Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre Ding auf Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität.

Große Befreiung, welche diese Einsicht bringt. Der Gegensatz ist aus den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist gerettet – –

133.

Heute, wo uns jedes „so und so soll der Mensch sein“ eine kleine Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man, trotz allem, nur das wird, was man ist (trotz allem: will sagen Erziehung, Unterricht, Milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in Dingen der Moral auf eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache und Folge umdrehen gelernt, – nichts unterscheidet uns vielleicht gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum Beispiel nicht mehr, „das Laster ist die Ursache davon, daß ein Mensch auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen ebensowenig „durch die Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt langes Leben und Glück“. Unsre Meinung ist vielmehr, daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern nur Folgen sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man ein anständiger Mensch ist, das heißt, weil man als Kapitalist guter Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren ist.... Kommt man arm zur Welt, von Eltern her, welche in allem nur verschwendet und nichts gesammelt haben, so ist man „unverbesserlich“, will sagen reif für Zuchthaus und Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische Degenereszenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; man ist notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... Schlecht: das Wort drückt hier gewisse Unvermögen aus, die physiologisch mit dem Typus der Degenereszenz verbunden sind: zum Beispiel die Schwäche des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der „Person“, die Ohnmacht, auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu „beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine Folge.... Laster ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, um gewisse Folgen der physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, wie ihn das Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde berechtigt sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das Christentum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden bewiesen, ein Gebiet für Degenereszenz.