Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie virtù klänge, Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen – wie fern sind wir noch von diesem Ideale!
Die Gebietsverkleinerung der Moral: ein Zeichen ihres Fortschritts. Überall, wo man noch nicht kausal zu denken vermocht hat, dachte man moralisch.
156.
Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor uns: wir wollen euch die Bescheidenheit hübsch zu Gemüte führen: es ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt – wozu euch eure Umstände zwingen –, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr euch darin weder loben dürfen, noch loben lassen!.... Man ist eine gründlich kleine Art Mensch, wenn man nur tugendhaft ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend. Aber ihr habt die Zahl für euch: und insofern ihr tyrannisiert, wollen wir euch den Krieg machen....
157.
Ein tugendhafter Mensch ist schon deshalb eine niedrigere Spezies, weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat nicht seinen Wert a parte: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen, er soll nicht einzeln sein....
Rechnet die Eigenschaften des guten Menschen nach, weshalb tun sie uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen, keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen guten Tag. Dieses unser Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren und dem guten Menschen als Eigenschaft, als Wert zurechnen.
158.
Zur Kritik des guten Menschen. – Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen, – sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ego und alter in der Beurteilung: die Frage ist, ob die Folgen es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich selbst Wert haben....