Anders gefragt: ist es die Nützlichkeit, welche die entgegengesetzten Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (– Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit: Unmenschlichkeit –)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? – Anders gefragt: wäre es wünschbar, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren? – Das wird jedenfalls geglaubt.... Aber hier steckt der Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des Winkelegoismus.

Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, – so daß die entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam ausstürben?

Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der Ästhetik: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?

Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nötig, – und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche unausstehliche Tugend zu Ehren gebracht hat.

Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird – als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche andere Eigenschaften verlangt.

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Das Patronat der Tugend. – Habsucht, Herrschsucht, Faulheit, Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.

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