Man soll die Tugend gegen die Tugendprediger verteidigen: das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein Ideal für alle; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, – ihren aristokratischen Zauber. Man soll insgleichen Front machen gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität, Großes und Seltenes zu fordern und seine Abwesenheit mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen! – Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eine Ehe so viel wert ist als die, welche sie schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas anderes daraus machen.

Die Tugend hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich: sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn, – – immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die Lüge, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit versteckt liegt, – sie ist das schlimmste Laster, gesetzt, daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die andern beurteilt.

– Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend nicht leidet, sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, 4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend für sich ist, 6. daß sie gerade alles das tut, was sonst verboten ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche vetitum innerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist, virtù, moralinfreie Tugend..

161.

Der „gute Mensch“ als Tyrann. – Die Menschheit hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen Maßstab des Lebens gemacht hat; daß sie – statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß zu finden – die Mittel zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen und vergißt sie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt, eine bestimmte Spezies Mensch behandelt ihre Existenzbedingungen als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“, „Vollkommen“: sie tyrannisiert... Es ist eine Form des Glaubens, des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, Herr sein zu wollen –

162.

– Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach....

163.

Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu widersprechen. Wozu diese reine Torheit trüben? Wozu sie mit unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern? Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge hinein (bei ihnen lebt ja der alte Gott deus myops noch!); wir andern – wir sehen etwas anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.

164.