Die Tugend findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte. Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an ihr neuer Zauber sein: – sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein Laster.
165.
Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie soll es bleiben!
166.
Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen Reiz erteilt, – sie wirkt als etwas Verbotenes. Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen in das „cum grano salis“ des wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig macht; – kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die Tugend als eine Form der Immoralität aufgezeigt haben, ist sie wieder gerechtfertigt, – sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles Daseins, – als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste, teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.
167.
Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt und mit allen Hunden hetzt.... Dies – habe ich getan.
168.
Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:
a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man Züchtung mit Zähmung verwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen können – nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch aus ihnen herauswachsend, ins Stärkere....