Nichts ist seltener unter den Philosophen als intellektuelle Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen müssen, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es gibt Fälle – und der Fall der Philosophen gehört hierher –, wo ein solcher Glaube einfach eine Unmoralität ist.
4. Philosophie und Wissenschaft.
190.
Ich muß das schwierigste Ideal des Philosophen aufstellen. Das Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das Herdentier im Reiche der Erkenntnis, – welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist. –
191.
Aberglaube über den Philosophen: Verwechslung mit dem wissenschaftlichen Menschen. Als ob die Werte in den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der Einflüsterung gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.). Schopenhauer in betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den wissenschaftlichen Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen, ohne die Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den „Facten“, eine Art Kultus. Tatsächlich vernichten sie die bestehenden Wertschätzungen.
Erklärung dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten; er mißdeutet sich selber. Man will durchaus die Autorität von sich ablehnen und in die Umstände setzen. – In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden Männlichkeit. Lessing usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: und der Ruf der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei und der Glaube bewiesen werden könne. In Hegel kulminieren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache der deutschen Romantik, – eine Art von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen unter die Wirklichkeit. Der Kritiker bereitet vor: nicht mehr!
Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich um eine Bestimmung des Wertes handle: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.