Problem des Philosophen und des wissenschaftlichen Menschen. – Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken à la Kant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen). Wesentlicher: ob nicht ein décadence-Symptom schon in der Richtung auf solche Allgemeinheit gegeben ist; Objektivität als Willensdisgregation (– so fern bleiben können....). Dies setzt eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe.

Typus: die Loslösung von der Heimat; in immer weitere Kreise; der wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative – –; gar dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der Herauslösung aus Organisationsformen, Herausbruch.

Problem: ob der wissenschaftliche Mensch eher noch ein décadence-Symptom ist, als der Philosoph: – er ist als Ganzes nicht losgelöst, nur ein Teil von ihm ist absolut der Erkenntnis geweiht, dressiert für eine Ecke und Optik –, er hat hier alle Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit nötig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit der Kultur, als von deren Müdigkeit. Der décadence-Gelehrte ist ein schlechter Gelehrter. Während der décadence-Philosoph, bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.

193.

Die psychologischen Verwechslungen: – das Verlangen nach Glauben – verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei Carlyle). Aber ebenso ist das Verlangen nach Unglauben verwechselt worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (– ein Bedürfnis, loszukommen von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend welche „Gläubigen“). Was inspiriert die Skeptiker? Der Haß gegen die Dogmatiker – oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei Pyrrho.

Die Vorteile, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die Vorteile des Glaubens an sie: – an sich nämlich könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein –. Man hat die „Wahrheit“ auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom Siege versprach, – zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.

Die Methodik der Wahrheit ist nicht aus Motiven der Wahrheit gefunden worden, sondern aus Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens.

Womit beweist sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht – mit der Nützlichkeit, – mit der Unentbehrlichkeit, – kurz, mit Vorteilen (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit beschaffen sein sollte, um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist ein Vorurteil: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um Wahrheit handelt....

Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts? bei den Naturalisten? – Kritik der „Objektivität“.