Auf einem Neubau draußen in der Vorstadt herrschte tätiges Leben. Es klopfte und hämmerte in allerlei Tönen und Takten. Es scharrte und stampfte, krachte und knirschte.

»Ei–nen Jupp!!!« schrie ein Arbeiter, der mit mehreren andern einen großen eisernen Träger in die richtige Lage bringen wollte. Die Kraft aller Beteiligten schien bei dem Ausruf »Jupp« in einer mächtigen Welle zusammenzufluten, die den Träger erfaßte und ein gutes Stück von der Stelle rückte. Köpfe und Hände, Kelle und Meißel, Zollstab und Wasserwage, Schippe und Hacke arbeiteten mit an der Vollendung des Hauses.

Vor dem Bau stand ein mit Ziegelsteinen beladener Wagen. Von dem Wagen aus wurden die Steine bis auf die höchste Spitze des Baus getrieben. In langen Abständen, von Stockwerk zu Stockwerk, bildeten die Steinetreiber eine Kette und warfen sich die Steine zu. Der letzte der Kette schichtete die Steine neben sich auf. Fest standen sie mit den Beinen auf dem Boden, die Steinetreiber. Nur der Oberkörper und die schwingenden Arme waren in Tätigkeit. An den Händen steckten Leder, damit sich die Finger nicht an den rauhen, gebrannten Ziegelsteinen und deren scharfen Kanten rissen. Mit den Handledern fluschte es nur so. Als wäre der Schwung und die anzuwendende Kraft aufs feinste abgemessen, flog der Stein mit wunderbarer Genauigkeit, ohne sich auch nur ein wenig zu drehen oder zu neigen, in die Höhe. Jedem der Steinetreiber wurde so ein Stein vor die Hände gezaubert. Er griff einfach in die Luft – ein Schwung – der Stein flog den Weg der übrigen – und schon war der nächste wieder erschienen. Ganz selten passierte es, daß einer aus der Reihe tanzte, wirbelnd aneckte oder in der Luft zerbrach. Er bekam einen Klaps mit der Hand, daß er beiseite flog.

Wenn es Feierabend pfiff, marschierten die Steinetreiber in einer Kolonne ab. Barfuß waren sie und trugen die nun unbequemen Holzlatschen unter dem Arm. Weiße Maurerhosen, eine enganliegende blaue Strickjacke, Halstuch und Blaser (Ballonmütze) vervollständigten die Kleidung. Alle waren sie aufrechte, kernige, kraftvolle Gestalten. Und die Art, wie sie ihr Halstuch und ihre Blaser trugen, zeigte, daß sie Kerle waren, die wußten, »wo Boom wohnt«.

Wilhelm war der stärkste von ihnen. Er hatte einen mächtigen Nacken und eine mächtige Brust; konnte sich einen Ziegelstein auf die flache Hand legen und ihn durch eine Luke in die Decke facken, dem Obenstehenden zu. Oder er faßte den Stein mit zwei Fingern an seiner Schmalseite und schleuderte ihn in die Höhe, daß der Stein, sich fortwährend drehend, mit unfehlbarer Sicherheit durch die Luke in die Hände seines Kameraden gelangte.

Ehe sie in die erste Kneipe traten, sagte einer: »Bloß eens – –.« Das war so eine stehende Redensart. Und war zugleich wie ein guter Vorsatz, hinter dem aber ein leises Lachen steckte. Denn sie wußten genau, es wurde nicht »bloß eens«. Es ging von einer Kneipe in die andre, und jedesmal hieß es: »Bloß eens …«

Zwei nebeneinanderliegende Stuben bewohnten die Bier. Zwei Tischler, ein Schneider und Wilhelm. Gingen sie am Abend nicht aus, so spielten sie Karte, sangen, oder Wilhelm holte die Ziehharmonika hervor. Der Schneider war still und machte sich immer Beschäftigung. Die Kleidungsstücke der Drei wiesen keine Löcher oder fehlende Knöpfe auf. Er war ein Mensch, der um Gottes willen alles gütlich und friedlich um sich herum haben wollte. Er schlichtete, versöhnte, redete zum Guten und ermahnte den wilden, unbändigen Wilhelm. Der antwortete dann nur: »Daß nur uff, daß de deine Hosen richt'ch flickst«, und pfiff sich eins. Wilhelm hatte in einem Dorf in der Nähe ein Mädel sitzen mit einem Kind. Mitunter walkte er seine ganze Sehnsucht in die Ziehharmonika hinein. Die stöhnte dann sentimental, quietschte und schrie, und er nahm sich vor, kommenden Sonntag sein Mädel bestimmt zu besuchen …

»Bloß eens«, sagten die Kameraden am Sonnabend.

Und wenn Wilhelm Sonntagmorgens nach Hause kam, fidel und munter wie ein Fisch im Wasser, tanzte er in der Stube herum. Kitzelte die drei Schläfer. Zog ihnen die Bettdecke weg. Tatschte mit der Hand ins Waschbecken und den Schlafenden ins Gesicht. Die Muntergewordenen schimpften, sahen aber bald ein, daß es klüger war zu lachen. Denn in dem Wilhelm war in solchen Momenten alles Wilde und Rebellische erwacht und es konnte vorkommen, daß er kurzerhand das ganze Bett des Schimpfenden umkippte. Er wollte sich scheckig lachen, wenn der sich abmühte, das Bett wieder auf alle vier Füße zu stellen. Hatte er dann ausgeschlafen, und man hielt ihm vor, daß es doch keine Sache wäre, solchen Spektakel zu machen und andere im Schlafe zu stören, zog er ein saures Gesicht. Wenn er daran dachte, daß er ja hatte sein Mädel besuchen wollen, wurde sein Gesicht finster, und er sprach nicht.

»Bloß eens – – – – – – –.«