Die beiden gingen zunächst nach dem Trockenplatz, wo sie sich mit ihren Freunden zu treffen pflegten. Der Trockenplatz lag inmitten der Felder. Gras, Löcher, Sandhaufen und umgestürzte Schubkarren gab es hier genug. Augenblicklich war der Platz wenig mit Wäsche behangen. Man sah nur die zahlreichen Pfähle, die gabelförmig nach oben zu gingen und kreuz und quer durch Wäscheleinen verbunden waren.
Lärmendes Geschrei ihrer Freunde empfing sie. Und nach und nach erfuhren sie, was geschehen war. Der Zwerg war im Freibad gewesen, und einer von der Ulla hatte ihn ins Wasser geschubbt. Hinterrücks auch noch! Der Zwerg, der doch einer ihrer Kleinsten und Schwächsten war, ging auf dem Nachhauseweg mit hocherhobenem Kopfe mitten durch die Ulla, so daß ihn jeder sehen mußte. Da war man aber über ihn hergefallen, und, obwohl er Wunder der Tapferkeit verrichtete, wie er selbst erzählte, hatte er doch der Übermacht weichen müssen. Die Ulla müßte verschlaan werden, schrien ein Dutzend Stimmen. Die Ulla, so genannt nach der früheren Ulrichsgasse, war ebenso berühmt wie der Texas, da die Jungen dieser Straßen immerwährend mit andern Straßenvierteln in Fehde lagen. Als die Dämmerung hereinbrach, waren alle versammelt, die sich zum Texas rechneten. Rohrstöcke, Riemen, Gummischläuche, Ruten und Knüppel hatten sie in der Hand. Es sah ganz schrecklich aus. Der ganze Haufe setzte sich in Bewegung, und im Laufschritt ging es durch die Straßen. Mit aller Macht trappten sie taktmäßig auf die Erde. Denn der Lärm erhöhte ihren Mut. In der Ulla spielten einige Kinder auf der Straße. Vor den kleinen niedrigen Häusern standen oder saßen friedliche Frauen und Männer. Mit großem Geschrei zog der Texas durch die Ulla, wild mit den Stöcken drohend und fuchtelnd. Am Straßenende hielten sie an. Allgemein herrschte die Ansicht, daß die Ulla Angst habe und sich versteckt halte. Im Laufschritt ging's durch verschiedene Straßen, und mit Siegerbewußtsein trennten sie sich. Wie hätte man die Ulla verschlaan, wenn sie sich gezeigt hätte.
Der Zwerg erkannte am nächsten Morgen auf dem Schulwege einen von der Ulla. Es kam zu einem aufgeregten Wortwechsel, und der Zwerg versicherte, daß der Texas heute abend wiederkommen wolle, die Ulla möge nur nicht wieder ausreißen.
In der Schule wirkte diese Nachricht alarmierend. Der Lehrer hatte in der Frühstückspause seine Not, die sich immer wieder bildenden Gruppen aufzulösen. Hübsch geordnet sollten sie auf dem Schulhofe im Kreise umhergehen und dabei ihr Frühstück verzehren. Das fiel ihnen besonders heute schwer. Wie Kletten hingen sie aneinander.
»Ihr sollt nachher alle warten«, zischelte es, bevor der Lehrer Ruhe gebot, von Bank zu Bank durch die ganze Klasse. Der Schulschluß wurde sehnlichst herbeigewünscht. Nur mühsam konnten sie nach dem Klingeln noch einige Augenblicke ruhig sitzen. Dann aber schossen sie von ihren Bänken in die Höhe, die Tintenfässer flogen zu, manche blieben auch offen, Schieferkästen klapperten, die Bücher wurden in den Ranzen gepfropft, und ein Füßescharren und Stimmengewirr erfüllte den Schulraum. Mit Geschrei rannten sie nach dem Trockenplatz. Dort schmissen sie ihre Ranzen hin und wollten alle auf einmal reden. Das Ergebnis war, daß sie abends nach der Ulla ziehen wollten.
Der Abend kam, und wieder rotteten sie sich zusammen. Wieder ging's im Laufschritt durch die Straßen, und, an der Ulla angelangt, sahen sie etwa in der Mitte der Straße einen dichten Haufen stehen. Sie hielten an und beratschlagten, was zu tun wäre. Sollte man den Feind überrennen oder warten, bis er herankäme? Sie entschlossen sich nach längerem Warten, zu stürmen. Noch ein gelindes Zögern. Keiner wollte so recht den Anfang machen. Aber dann riß es alle vorwärts. Unter ohrenbetäubendem Johlen und Pfeifen rannten sie dicht zusammengedrängt dem Feind entgegen. Der teilte sich nach rechts und links und ließ die Anstürmenden hindurch. Wie später erzählt wurde, sollte die Ulla heimtückischerweise auf die letzten eingeschlagen haben. Denn plötzlich, als sie den Feind im Rücken hatten, drängten alle mit voller Wucht nach vorn, rissen die übrigen mit, und es wurde eine wilde Flucht. Auf einem freien Platze sammelte sich der spärliche Rest. Hier wurde mächtig geschimpft – auf die feige Ulla und auf die, die zuerst ausgerissen waren. Nachdem sie noch zwei fremden Jungen eine große Latte abgenommen hatten, die diese vergeblich unter dem Jackett zu verstecken suchten, machten sie sich unter fürchterlichen Drohungen gegen die Ulla auf den Heimweg. Wenn die Ulla nicht so feige auf die letzten eingehauen hätte! Wenn diese Angsthasen nicht nur Mitläufer gewesen wären, die man nicht zum Texas rechnen konnte, dann wäre es zu einer großen Schlaaerei gekommen! Ja wenn – – – –