»Ich habe ihn schon mal ziemlich gehabt,« erzählte er dabei aufgeregt, »aber das kleene Aas kullerte wieder runter. Das ist nämlich so ein harter – die so hoch springen – weißt du.«
Endlich zog er den Stock vorsichtig in die Höhe. Mecke war ganz hingerissen. Er rutschte auf den Knien umher und schrie: »Langsam!« Je zwei Finger seiner Hände zwängte er durch die Gitterlöcher, griff den Ball sachte und drückte ihn nach oben. Sein Freund erwischte den Ball, ließ ihn ein paarmal triumphierend auf dem Straßenpflaster springen und steckte ihn dann in die Tasche. Mecke paßte genau auf. Es war die linke.
Die beiden waren unzertrennliche Freunde und waren besonders da obenan, wo es galt, die Leute zu verasten oder zu vergackeiern, wie sie in ihrer Jungensprache sagten. Sie machten eine Tüte zurecht, legten sie auf den Fußsteig und beobachteten, wer darauf hineinfiel. Bei Regenwetter legten sie einmal ein Taschenmesser auf den Fußsteig, das sie an einen Bindfaden banden. Den Faden hatten sie in einer Pfütze schwarzgemacht. Mecke lehnte an der Haustür, während Männe hinter ihm kauerte. Wollte nun ein Vorübergehender nach dem Messer greifen, so zog Männe an dem Bindfaden. Wer Humor hatte, lachte, mancher schimpfte auch über eine solche Niederträchtigkeit. Da kam zufällig die Blindschleiche dahergegangen. Das war ihr Klassenzweiter, der eine Brille trug und sein Gesicht meistens der Erde zugekehrt hielt. Er suche den gestrigen Tag, sagten sie von ihm. Die Blindschleiche machte es wie alle Scheinheiligen. Er hob das Messer auf, steckte es in die Tasche und ging weiter, als wäre nichts geschehen. Nun erst zog Männe an dem Bindfaden und riß ihm das Messer aus der Tasche. Der so Ertappte fing wie besessen an zu rennen und die beiden hinter ihm her.
»Messermauser – Messermauser«, schrien sie ihm nach.
Männe hatte sich auf das Trittbrett eines gelben Postwagens gesetzt, und Mecke trabte nebenher. In einer Seitenstraße sahen sie ein Leitergerüst stehen und vermerkten sich die Tatsache stillschweigend. Denn hier war Aussicht, bald wieder einmal Feuerwehr spielen zu können.
Diese schöne asphaltierte Straße verband sie auch mit einer herrlichen Erinnerung, einer denkwürdigen Geschichte.
Männe hatte einen großen Bruder, der in einem Fahrradgeschäft beschäftigt war. Er hatte ausgelernt, und sein Verdienst reichte weder hinten noch vorn.
Da hatte er eine Idee!
Er gab seinem jüngeren Bruder auf, er solle seine sämtlichen Schulfreunde zusammentrommeln und für den nächsten Sonntagnachmittag bestellen. Alle, alle kamen. Denn der kleine Bruder hatte von dem großen Bruder Geschichten erzählt, die vielen Jungen zum mindesten wie Märchen klangen. Der große Bruder kam denn auch mit einem zweisitzigen Fahrrad an, und wer fünf Pfennig bezahlte, durfte sich auf den Hintersitz setzen. Dafür konnte er eine bestimmte Strecke hin und zurückfahren. Radfahren brauchte man nicht zu können, denn der große Bruder saß ja vorn, lenkte und hatte das Rad in der Gewalt. Auf dem hintersten Sitze brauchte man seine Beine nur auf die Pedale zu setzen und die Drehbewegungen mitzumachen. Es war kinderleicht und sah einfach großartig aus, wenn man so dahinflitzte. Viele rannten an diesem Sonntag mehrmals nach Hause, um von den Eltern noch ein paar Fünfer zu erlangen. Es gab einen Heidenfez, und der große Bruder konnte eine hübsche Anzahl Fünfer einheimsen. Leider wurde die Freuden- und Geldquelle schnöde verstopft. Der Eigentümer des Rades, der es dem Fahrradgeschäft zur Reparatur übergeben hatte, wollte es eines Sonnabendabends abholen. Männes großer Bruder war aber schon fort. Als er es Montags früh auf Umwegen wieder an seinen Platz bugsieren wollte, gab ihm der Meister zu verstehen, daß es vielleicht andere Geschäfte gäbe, die damit einverstanden wären. In den anderen Geschäften, in denen er hierauf arbeitete, konnte er jedoch nicht so über das vorhandene Material bestimmen.
Männe sprang von dem Tritt des Postwagens. Sie waren in die Nähe des Bahnhofes gekommen und bogen nach dem Texas ab. Dort wohnten sie. Der Texas lag hinter dem Bahnhof und war eine Ansiedlung von 4 bis 5 Häusern, die sich um eine Fabrik gruppierten. Anschließend an eine Gartenkolonie, lagen längs der Straße Geräteschuppen, Lagerplätze und Niederlagen – bis man dann die paar Häuser traf. Rechts der Straße sah man durch einen Zaun in die Eisenbahnwerkstätten, sah altes ausgedientes Eisengerümpel umherliegen und Züge rangieren; hörte Züge ein- und ausfahren, Abfahrtssignale ertönen, Lokomotiven pfeifen und hatte den Rauch und Ruß des Bahnhofs in allernächster Nähe. Abends, wenn die vielen Lichter des Bahnhofs aufblitzten, war es im Texas still und dunkel, während man am Tage eine romantische Verwahrlosung erblickte. Keine drei Minuten von dem Großstadttreiben entfernt, wähnte man sich in der Dunkelheit in einer friedlichen Einöde. Und das Gesicht dem Bahnhof und der Stadt zugewandt, hörte man die vielen Geräusche wie aus weiter Ferne und hatte im Rücken die Stille und das Schweigen der Felder. Denn diese begannen, wenn man den Weg ein kleines Stück weiter verfolgte.