Zu dieser Gruppe gehörte Anton, der auch der versoffene Anton hieß. Da er zugleich Couleurdiener einer studentischen Verbindung war, fiel auch hier für ihn der nötige Alkohol ab. Mit Vorliebe trug Anton Turnschuhe. Die drückten nicht und waren angenehm leicht. Er trug sie auch an seinen Ausgehetagen. Da wußte er aber auch, was sich für einen Couleurdiener ziemt. Denn er zog an solchen Tagen seine weißen Hosen und seinen schwarzen Gehrock an, setzte einen steifen Hut auf sein Haupt, und hielt einen derben Spazierstock in der Hand, der an einem der studentischen Kneipabende in irgendeiner Ecke stehengeblieben war. So ausgerüstet, besuchte er die vielen kleinen Gastwirtschaften, in denen er durch seine weitverzweigte Tätigkeit bekannt war – drückte dem Wirt die Hand, begrüßte ein paar Gäste, trank einen Schnitt Bier oder einen Schnaps und ging in die nächste Kneipe. Alles eilig und wichtig, als hätte er ein dringendes Geschäft zu erledigen. »Ooch hinne heite, Anton?« scherzte der eine oder andre. »Ich mache heite de Runde – kene Zeit – ich komme sonst nich rum«, antwortete der mit heiserer Stimme, die einem Grunzen glich. Hatte er so gewissenhaft keine ihm bekannte Kneipe vergessen, so war sein Gesicht noch röter und aufgedunsener als sonst, und sein Ausgehetag war damit zu Ende.

Einen andern Dienstmann, dem die weißen Haare in dichten Strähnen unter seiner Mütze hervorsahen, nannten sie den Schtumpelschtecher. Er sammelte weggeworfene oder an Schaufenstern und Treppenhäusern weggelegte Zigarrenstummel. Er gab das aber niemals zu. Er rauche nur, wenn es ihm schmecke. Und wenn er da manchmal mit einer Zigarre erst zur Hälfte wäre, bewahre er sie auf, bis es ihm wieder schmecke. Die Stummel zerschnitt er zu Pfeifentabak, oder er rauchte sie, wenn sie noch gut erhalten waren, in seiner schwärzlichen, verräucherten Zigarrenspitze.

Der dritte der Gruppe war der kleine schmächtige Abraham, der viele Jahre bei der Heilsarmee gewesen war. Von ihm sagte der wilde Max, daß er immer die »Zwenksche Krankheet«[2] hätte. Abraham galt als verrückt, weil er je nach Jahreszeit oder Laune seine Fußbekleidung wechselte, fortwährend Selbstgespräche führte, wobei er auf die Frage, ob er etwas gesagt habe, stets mit »Wie?« antwortete. Kein Zweifel, er war verrückt. Im Winter trug er Filzschuhe, dann wieder einmal hohe Schaftstiefel oder Schuhe der verschiedensten Art, die er von denen geschenkt bekam, die überflüssiges Schuhwerk hatten und ihn kannten. Nicht selten besserte er sie auch selbst aus. Lange Zeit trug er auch ein Paar Lackschuhe, in die er nicht wenig verliebt war. Sie mußten ehedem für feine, schmale Füße gearbeitet worden sein. Durch Abrahams Füße waren sie ausgetreten und hatten sich nur noch ihre lächerlich erscheinende Spitze bewahrt. Oft, wenn er mit vorgestreckten Beinen an der Mauer lehnte, spuckte er ein ganz klein wenig auf die Lackspitzen und rieb sie dann abwechselnd an den Hosenbeinen, bis sie ganz blank waren.

[2] Zwenksche (von dem Dorf Zwenkau herrührend) Krankheet: Husten, Schnuppen un kee Geld.

Begann der wilde Max zu erzählen, so zögerte er stets, sich sofort mit hinzustellen. Die verdammten Geschichten hielten einen bloß von der Arbeit ab. War es doch schon vorgekommen, daß ihm ein Reisender auf die Schulter geklopft hatte, wo es doch umgekehrt sein sollte! Wenn man halbwegs ein paar Groschen verdienen wollte, mußte man schon höllisch hinterher sein. Wenn hier auch ein Kreuzungspunkt vieler verkehrsreicher Straßen war, der Bahnhof und die ankommenden Reisenden gut beobachtet werden konnten, so war doch wiederum gegenüber der Standort der Droschkenkutscher und der einer andern Gruppe Dienstmänner, die ihnen manches Geschäft vor der Nase fortschnappten. Da saß da drüben der feine Bernhard, dem man jedes Wort abkaufen mußte, und der so tat, als wäre er wunder was. Dabei hatte er doch sein ganzes Geld verjuchhet, der alte Sünder. Da waren Schlosserkarl und Schmiedtemil, die beide Fahrräder hatten. Und das Unikum erst, die Kaulquappe. Wie klein und fett er war, und der kurze, gedrungene Hals, den er hatte, fast war es gar keiner. Und seine großen hervorquellenden Froschaugen.

Den größten Triumph hatte die Gruppe am Schaufenster, als die Rollschuhmode aufkam. War das ein Gaudium, als die Kaulquappe mit Rollschuhen an den Füßen täglich mehrmals um die Verkehrsinsel herumsegelte, die sich in der Mitte des Platzes befand. Wie ein hilfloses Wrack, oder wie einer, der einen Schwips weg hat und obendrein Seil tanzen will. Das waren Dinge, die den wilden Max jedesmal zu dem Ausspruch veranlassen konnten: »Herr, siehe dein Volk an – es sin lauter Zijeiner.«

Der wilde Max saß stets auf dem Sims des großen Ladenfensters. Dieser Sitz gehörte ihm. Saß ein andrer dort und er kam hinzu, so machte er ohne weiteres bereitwillig Platz. Das Ladenfenster war bis zur Manneshöhe milchfarbig gestrichen. Um so ungestörter konnten sie hier sitzen – ihr Mittagsschläfchen halten oder sich auf andre Art die Zeit vertreiben.

Es war ein heller, freundlicher Nachmittag. Die angrenzenden Straßen zeigten ihr um diese Zeit übliches Gesicht.

Abraham ging langsam auf und ab, sah auf seine Schuhe und murmelte vor sich hin. Da stand man hier und wartete, wartete bis zum Schwarzwerden. Hatte es nicht seine Frau besser, die in die Buchbinderei ging? Solange Arbeit da war, hatte sie wenigstens ihren regelmäßigen Verdienst. Ja, er allein hätte die Kinder nicht ernähren können. Kaum eins. Geschweige denn vier. Hatte nicht neulich die Zweitreppige gesagt, sie sähen aus wie Bettelkinder –! Die sollte sich ja um sich bekümmern – die – die sollte sich ja vor ihm in acht nehmen. Zornig stieß er im Gehen ein Blatt Papier mit dem Fuß zur Seite. An der Ecke angelangt, bog er schnell in eine Seitenstraße ein und trat in die erste Hausflur. Prüfend sah er sich um. Langte dann in seine Bluse, zog die Flasche hervor und trank einige hastige Schlucke. Die Flasche wieder verbergend, trat er mit unbefangener Miene auf die Straße. Ging schnell bis zur nächsten Ecke und nahm dort seinen langsamen Schritt wieder auf. Es war durchaus nicht nötig, daß es jemand sah.

Da bemerkte er, wie bereits einige um den wilden Max herumstanden, dröhnend lachten und ihn drängten, diese neueste Räubergeschichte zu erzählen. Der hatte gut erzählen. Hatte ja auch halbwegs etwas Sicheres jeden Monat. Denn er bekam eine kleine Rente für seinen rechten Zeigefinger, dem zwei Glieder fehlten. Freilich sagte er, er hätte sich die fehlenden Glieder einmal vor Wut abgebissen, weil er einen hauen wollte und der ausgerissen wäre. Nein, Abraham wollte sich nicht mit hinstellen. Man kann nicht wieder los von ihm. Dieser Teufel hatte es ja auch nur auf ihn abgesehen. Wie er zögerte und nach ihm hergrinste! Abraham fühlte das, auch wenn er nicht hinsah.