»Nachher«, gab Hermann zurück und hieb hungrig in sein Stück Brot.

Als sie gesättigt waren, machte sich's Paul bequem, streckte die Beine weit von sich, nahm die Zigarrette, die wie ein Bleistift hinter seinem Ohr saß, und rauchte sie. Wie einen langentbehrten Genuß stieß er den Rauch durch Mund und Nase. Hermann holte seine Mundharmonika hervor und begann zu spielen. Er war ein Künstler auf seinem Instrument. Ein zartes weiches Lied war es. Solostimme und Begleitung hielt er geschickt und vollendet auseinander. Mit einem Ausdruck und einer Hingabe spielte er, daß dabei sein ganzer Oberkörper in Bewegung geriet.

Das Lied erregte Pauls Phantasie. Es zauberte ihm Bilder vor Augen, Bilder seiner Wanderzeit, voller Farbe – voller Sonne und Luft. Diesen Winter wollte er noch hier aushalten, aber dann ging's wieder fort. Zum Frühjahr, wenn sich der frische Märzwind aufmachte. Es trieb ihn schon jetzt inwendig. Immer weiter. Immer weiter – – –

»Die alte Liebichen« – begann Hermann, die Mundharmonika in der hohlen Hand ausklopfend, mit einem Blick auf den sinnenden Freund.

»Hast du heute den Jungen gesehn, der sie fuhr? Vor zehn Jahren, ja so lange wird es her sein, habe ich sie auch einmal von Hof zu Hof gefahren. Ja ich! Ich weiß noch, sie wohnte in einem großen Hause, das jetzt kaum wiederzuerkennen ist, vier Treppen hoch. Ich mußte sie die Treppen mit hinauf- oder heruntertragen. Denn sie war damals schon halb gelähmt und hätte eine Ewigkeit gebraucht, die Treppen zu steigen. Manchmal, wenn ich sie gegen Abend zurückbrachte und niemand oben in der Wohnung war, mußte ich unten bei ihrem Wagen warten. Wenn es lange dauerte, wurde sie unruhig, warf sich auf ihrem Sitz hin und her und sagte immer wie erstickt: ach – ach – als wollte sie die Tränen in die Augen zwingen. Aber ich habe ihre Augen nie naß gesehn. Du mußt nämlich wissen, daß ihre Leute in dem Hause richtig wie verhaßt waren, und das ließ man auch die alte Liebichen merken. Sie wohnte bei ihrem Bruder und war da nur eben so geduldet; groß mucksen durfte sie ja nicht. Er kam immer erst gegen Morgen nach Hause, ich glaube, Kellner war er, und da gab's oft Streit. Sein übernächtiges Gesicht war bleich und eingefallen. Aber in seinem Körper mußte eine Kraft stecken, daß man staunte. Einmal kam er früh polternd und schimpfend die Treppe hinauf. Sie wollten ihn nicht hineinlassen, weil er so betrunken war. Er donnerte mit den Füßen an die Türe, daß die Hausbewohner zusammenliefen, und als es ihm zuviel wurde, hob er die Türe aus und wütete in der Wohnung wie ein Sinnloser. Zwei Söhne hatte er, die damals aus der Schule waren. Das waren dir zwei Kerle! Sie liefen auf den Händen durch die Hausflur, schlugen einen Salto in der Luft, als wäre das rein gar nichts, und hatten in allem so etwas Zügelloses, daß es ihnen nie an einer bewundernden Schar von Altersgenossen fehlte. Ich war auch nicht wenig stolz, daß ich ihnen so nahe war, da man ja in der ganzen Umgegend von den Liebichs sprach. Wie das aussah, wenn die Frau mit ihrer Tochter auf der Straße ging! Die Tochter war aufgeputzt, trug sich gern bunt und auffällig, und die Mutter ging klein und dürftig mit bloßem Kopf nebenher. Ich kann mich noch an die Grünewarenfrau erinnern, die nebenan wohnte. Sie spuckte immer aus, wenn jemand von den Liebichs vorbeikam, und sagte, das wäre ungefähr eine Gesellschaft. Und dabei bildete sie sich ja ihre Meinung auch nur nach dem Klatsch, der in ihren Laden getragen wurde. Was ich aber nicht begriff, war daß die ganze Familie beisammenblieb, so sehr sie sich auch in den Haaren lagen. Jeder ging seinen Weg, kümmerte sich um nichts, frug nicht danach, was die andern taten, und plötzlich – als habe der Friede schon zu lange zwischen ihnen geherrscht – standen sie eines Wortes wegen in Flammen und fielen übereinander her. Wie Tiere, die sich zerfleischen wollen. Und die alte Liebichen saß hilflos dabei und wartete zitternd, bis man auch sie samt ihrem Stuhl umwarf. Ich habe es einmal mit angesehn und kann es nie wieder vergessen – – – –«

Er hauchte gedankenverloren in sein Instrument und entlockte ihm langgezogene leise Töne.

Sacht dunkelte es.

Vor ihnen lag ein Stück mondübergossene Wiese, auf das die Bäume ihre Schatten streuten. Viel Blätter hatten sie im Kampf mit dem herbstlichen Wind schon lassen müssen. Nun standen sie stumm und schwarz, mit entlaubten Wipfeln da. Kein Flüstern und Rauschen war hörbar.

Weit hinten sah man die Straße, die die Anlagen umsäumte, wie in fahlen wallenden Nebel getaucht. Das matte Licht brach durch die Äste und Zweige, die mit schützenden Gebärden ängstlich dem lauten Treiben zu wehren schienen.

Jenseits dieses natürlichen Gitters huschten Gestalten und Fahrzeuge schattenhaft vorüber.