Sie hüstelte lange und anhaltend und begann dann zu singen:
Es zog ein Matrose
Wohl über das Meer,
Nahm Abschied vom Liebchen,
Das weinte so sehr.
Da kam einst die Kunde:
Das Schifflein versank,
Ihr Herzallerliebster
Im Meere ertrank.
Da stand sie am Ufer
mit weinendem Blick;
Ihr Herzallerliebster
kehrt niemals zurück.
Sie sprach mehr, als daß sie sang. Ihre Stimme war dünn, schnappte bei jedem Atemholen über, und es klang, als wollte jemand zum Scherz absichtlich falsch und gequält singen.
Sie hüstelte wieder, und ihr Gesicht nahm wie vorher das unbewegliche Lächeln an. Der Junge sammelte das Geld auf, die Alte hob mechanisch den Arm, machte eine kraftlose grüßende Bewegung, und ihr Begleiter schob nicht ohne Anstrengung den Wagen über das holprige Pflaster, zum Tor hinaus.
Als sie an den beiden vorüberkamen, sagte Hermann: »Wie geht's denn, Mutter Liebichen?« Die Alte hob etwas den Kopf. Aber in ihrem Blick lag kein Erkennen. Sie nickte nur immer, und Hermann wußte nicht, ob das eine Antwort sein sollte, oder ob es von dem Schütteln des Wagens herrührte. Der Junge schob ohne Aufenthalt pflichteifrig den Wagen vorbei, und draußen lenkte er ihn in das nächste Haus.
Die beiden Freunde gingen nach einer andern Gegend, klapperten noch ein paar Höfe ab und schlenderten dann durch die Stadt. Hermann ging zu einem Bäcker, kaufte Brot, während Paul in einen Fleischerladen trat und Abfälle und Wurstzipfel verlangte. Er zwinkerte der drallen Verkäuferin mit einem Blick auf seine aufgezählten Pfennige zu und sagte, sie solle nicht so wenig geben, es wäre für einen Kranken. Sie verstand ihn, schnitt sich beim Geben nicht in die Finger und machte ihm ein reichliches Paket zurecht. Draußen auf der Straße traf er wieder mit Hermann zusammen. Sie gingen in die Anlagen, setzten sich auf eine Bank und aßen.
»Erzähl' das mal von der Alten«, sagte Paul kauend.