Sie sah das große Eckhaus ganz erstaunt an. Wochenlang hatte das Leitergerüst gestanden, und sie hatte wenig darauf geachtet, was da eigentlich vor sich ging. Nun hatte man das Gerüst wieder abgebaut, und da mußte das Haus freilich auffallen. Es leuchtete ordentlich von weitem, so blendend weiß sah es aus. Aber was für einen Anblick boten da auf einmal die Nebenhäuser. Man sah sie gar nicht gerne an, so schwarz und schmutzig waren sie. Dazu hatte der Regen Spuren und Streifen hinterlassen und mit der Zeit hier und da das Mauerwerk abgewaschen.

Frida buchstabierte, was der Maler in seinem mit allen Farbenproben versehenen Kittel malte. »Vergnügungs –« bekam sie heraus. Weiter war die Schrift noch nicht gediehen.

Zwar hatte sie manchmal einen befrackten Kellner im Hauseingang stehen sehen. Sie erinnerte sich, daß einmal ein Mann mit einem Mädchen am Arm, die in einem fort lachte und ihren Hut immerzu gerade schob, herausgekommen war. Wenn man aber einen Weg, durch eine große lärmerfüllte Straße, ein paar Jahre lang, viermal täglich ging, so sah und hörte man vieles, über das man nicht weiter nachdachte. An der Straßenecke traf sie sich auch mit ihrer Freundin Martha und beide gingen zusammen nach Hause.

Nun, wo sich das Eckhaus in seinem neuen Kleid präsentierte, stand allabendlich ein Mann vor dem Hauseingang. Einen großen gelben Mantel, mit silbernen Schnüren und Knöpfen verziert, hatte er an und auf dem Kopfe trug er einen Dreispitz. Wie eine aufgezogene Figur stelzte er maschinenmäßig auf und ab, eingelernte Worte vor sich her schnarrend. Wenn man diesen Worten glauben wollte, mußte es im Innern des Hauses unerhört großartig zugehen. Aber was mehr auffiel, war, daß der Mann so fror. Denn es war bitter kalt, und um die Straßenecken fauchte der eisige Wind besonders gern. Ohrenwärmer hatte der Mann, und unter seiner roten Nase starrten die beiden gefrorenen spitzgezwirbelten Schnurrbartenden wagerecht in die Luft. Mit seinen Holzschuhen klapperte er taktmäßig auf den Steinfließen, und von dem, was er zwischen den Zähnen hervorstieß, hörte man die immer wiederkehrenden Worte: »eintreten – phänomenal – feenhaft –«.

Und noch etwas Neues konnte man eines Mittags beobachten.

Vor einem der Fenster des weißen Hauses blieben die Vorübergehenden eine Weile stehen. Da war zu lesen, daß eine Woche später ein Volksmaskenball stattfinden sollte. Die ausgestellten zehn Preise fielen den zehn schönsten Masken zu.

In einer Schachtel mit blauem Samt lag eine goldene Uhr. In einer zweiten Schachtel mit blauer Einfassung ein goldenes Armband. Andre Preise waren: eine reichverzierte Standuhr, eine Teekanne mit Tassen, ein Pokal mit Gläsern, ein Handtäschchen, an das ein Zettel geheftet war. »A la Pompadour« stand darauf. Alle Wertstücke waren schön dekoriert und die Preise der Reihenfolge nach bezeichnet.

In Fridas Augen wuchs das Staunen, als sie sich zum Gehen wandte. Einen solchen Preis konnte man bekommen, wenn man eine der schönsten Masken war? Nein – kaufen hätte sie sich davon nichts können.

Es lockte und reizte sie in den folgenden Tagen, jedesmal wenn sie an dem Fenster vorüberging. Sie sann und überlegte und war mit ihren Gedanken öfter bei der goldenen Uhr und dem Täschchen a la Pompadour. Was würde wohl die Mutter sagen, wenn sie einen solchen Preis mit nach Hause brächte? Die Mutter? Sie erschrak ein wenig. Ja, wenn sie mit der Mutter einmal wie mit einer guten Freundin hätte sprechen können. Aber war nicht ein fröhliches Wort von der Mutter eine Seltenheit? Sonntags, wenn Frida mit ihrer Mutter spazierengehen mußte, kam ja kaum eine Unterhaltung auf. Die Mutter hatte so etwas Starres, Wortkarges. Sie machten beide einen Umweg um die Stadt bis zum Friedhof. Die Mutter begoß das Grab des Vaters, und Frida saß auf einer Bank und wartete. Auf dem Rückwege gingen sie an der Fabrik vorbei, in der der Vater viele Jahre gearbeitet hatte. Und manchmal besuchte die Mutter auch den einarmigen Pförtner der Fabrik, der im Erdgeschoß wohnte. Der war ein Freund des verstorbenen Vaters gewesen, und die Mutter hörte ihn gern erzählen. Frida saß oder stand dabei, abseits und fremd. Als müsse sie immer sinnen und sinnen, was es wohl wäre, das sie ruhig und niedergedrückt beiseite zu stehen zwang.

Da war es für sie eine Erholung, wenn sie abends ein Stündchen zu ihrer Freundin Martha ging. Wenn in der kleinen Stube alle Mitglieder der Familie versammelt waren, herrschte ein Ton, der für Frida neu war. Das Lachen war hier kein seltner Gast, und da sie alle zumeist erst abends richtig Zeit hatten, sich miteinander auszusprechen, so kam oft eine Unterhaltung zustande, bei der sie sich schon auf den nächsten Abend freuten. Denn der Vater war es, der mehr die andern reden ließ. Nur hier und da warf er seine klugen und anregenden Bemerkungen dazwischen und hatte zum Schluß die Unterhaltung doch so in seinem Sinne gelenkt, daß noch eine Frage offen blieb, und er seine Lieblingsbemerkung anbringen konnte: »Darüber müßte man mal ausführlich reden.« Ja bisweilen war es vorgekommen, daß sie die Aussprache über die kleinen Fragen des Alltags hinaustrug. In dem kleinen Kreise herrschte eine sekundenlange Stille, und es war als dehnten sich plötzlich die Wände. Die Augen füllten sich mit Glanz, und in der Brust war ein Gefühl, als könne man nicht schnell genug die beengenden Kleider aufreißen, damit das Übermächtige Platz habe. Da kniff der Vater die Augen zusammen und sagte, daß sie nun ein richtiges Lied singen sollten. Alles was da lebendig geworden war, strömte dann hinein in das begeistert gesungene »richtige« Lied.