Heute saß Marthas Vater am Tisch, den buschigen Kopf in die Hände gestützt, und las in einem dicken Buch. Martha hatte die andre Hälfte des Tisches inne und zerschnitt ein großes Stück bunten Stoff. Das würde Rock und Bluse für den Maskenball, sagte sie. Schlimmstenfalls nähme sie das kleine Hütchen ihres Bruders, an dem die lange Feder wäre und die Tirolerin wäre fertig. Überhaupt wäre der Stoff so reichlich und billig, daß sie zwei Röcke und zwei Blusen herausbekäme. Viel Umstände würden nicht gemacht, denn das Kleid brauche ja bloß für einen Abend zu halten. Ob denn Frida nun mitkomme? Frida lächelte unschlüssig. Die Mutter würde – –. »Eins kann man nur machen – entweder man geht, oder man geht nicht.«

So sprach Martha in ihrer bestimmten Art. Ihr Vater hob den Kopf und sah seine Tochter mit einem langen Blick an. Er kannte sie und hatte ein starkes Vertrauen zu ihr. »Ein solches Fest müßte man im Sommer machen – im Freien – auf einer großen Wiese. Natürlich ganz anders als wie es jetzt geschähe.« Doch darüber müßte man mal ausführlich reden, setzte er hinzu und las weiter.

Als der Abend des Volksmaskenballs herankam, sagte Frida zu ihrer Mutter, die am Küchentisch saß und Brotstückchen in die Kaffeetasse tauchte, daß sie heute zu ihrer Freundin ginge und wahrscheinlich etwas später käme.

»Um zehne bist du wieder da«, sagte die Mutter, mürrisch und unbeirrt.

Martha war bereits fertig angezogen. Sie sang und tanzte in der Stube herum, während Frida ihren Rock und ihre Bluse überstreifte.

An dem uniformierten Ausrufer vorbei betraten sie den Saal. Der war nun schon zum Erdrücken voll.

Die nicht maskierten Besucher standen dichtgedrängt ringsherum um die Tanzfläche, auf der das Maskentreiben wogte. Die Musikkapelle spielte in einem fort Walzermelodien, mit einem Aufwand an Kraft, als gelte es durch Donner und Getöse die rechte Stimmung zu erzwingen. Denn unter den Masken herrschte noch ein unfrohes Schweigen. Sie hatten sich alle unter die Arme gefaßt, und so zog das bunte Gemisch im Kreise um den Saal. Hier und da fing eine schüchterne Lustigkeit schon an in den Beinen zu zappeln. Gleich den beiden Freundinnen waren Tirolerinnen in leichten billigen Kostümen vorherrschend. Ein großes stattliches Mädchen stellte die Germania dar. Sie hatte ein langschleppendes Gewand an, einen Brustpanzer und einen Helm aus blankem Blech. Auf der Helmspitze war eine kleine grüne Eiche befestigt. Dazu umklammerte die Germania mit beiden Händen den Fahnenstock einer schwarz-weiß-roten Fahne. Die Fahne mußte gar nicht so leicht sein. Denn von Zeit zu Zeit stützte sie den Fahnenstock auf die Brüstung, die die Tanzfläche von den Zuschauern abschloß, und wallte dann wieder majestätisch durch den Saal. Ein Mönch, fleißig betend, trug ihre Schleppe. Ein Handwerksbursche dagegen beunruhigte und stieß die Germania und den Mönch fortwährend mit seinem Knotenstock. Der Walzbruder trug ein Felleisen, einen zerbeulten Zylinder, im Auge hatte er ein Monokel, und aus seinen Stiefeln guckten sämtliche Zehen. Ein Schornsteinfeger ging neben einem Schusterjungen und dieser neben einem grimmigen Räuberhauptmann. Ein affektierter Stutzer hatte am Arm eine Hexe, während in seinem andern Arm ein Lumpensammler hing. Ein Bäckerjunge ging neben einem Koch, der den Löffel schwang. Dann folgte ein steifer englischer Lord, der eine dralle Bauerndirne führte. Ein sich möglichst dumm gebärdender deutscher Rekrut ging neben einem Lappländer, dessen Kostüm aus lauter Lappen bestand. Der Lappländer zog eine Spanierin mit sich. Doch hob er öfter seine Gesichtslarve und trocknete sich den Schweiß ab.

Dazwischen quirlte ein Luftschiff herum, das die Aufschrift »Zeppelin« trug. Der Träger des etwa zwei Meter langen Luftschiffs steckte mit Kopf und Oberkörper in seinem Luftfahrzeug, so daß man von ihm nur die langen Beine sah. Er mußte aber vergessen haben, eine Öffnung für seine Augen anzubringen. Denn man sah es seinen zögernden unschlüssigen Beinen an, die nur vorsichtig aufzutreten bemüht waren. Infolgedessen eckte er fortwährend an und wurde hin und her gestoßen. Ein maskierter Polizist schrieb ihn deshalb auf.

Nun kam eine Gruppe.

Zwei magere Fleischer in weißen Schürzen, mit grimmigen Gesichtern und roten Ballonmützen. In der einen Hand hatten sie ein großes Schlachtmesser, während die andre Hand ein großes Schild trug. Darauf stand gedruckt: Zur Linderung der Fleischnot empfehlen wir Katze, Pfund 35 Pfg., Pferd, 45 Pfg., Hund, 45 Pfg. Der eine Fleischer hatte auf seinem Rücken einen Vogelkäfig befestigt. Darin hing ein Hering in der Schwebe. Und darunter war zu lesen: