Schloßbude wurde das zwischen zwei großmächtigen, frisch gemalten Häusern eingebaute kleine Haus genannt. Es war nur einen ganzen Stock hoch und hatte ein spitzes Dach. Über dem niedrigen runden Torbogen wagte sich ein schmaler, dürftiger Erker wenig hervor. Rechts und links vom Erker war je ein niedliches Fensterchen, durch dessen Scheiben weiße Gardinchen schimmerten.
Sah man sich das Häuschen länger und schärfer an, so meinte man zur Seite gestemmte Ellenbogen zu sehen; und ein Gesicht, dessen breitgedrückte Nase einem Erker nicht unähnlich sah und dessen Augen zwei Fenstern glichen, schien blitzähnlich aufgetaucht und wieder verschwunden zu sein. Was in dem Gesicht zu lesen war, hatte man eben noch im Untertauchen erfassen können: Wut, Verzweiflung und die Gewißheit, eines Tages von den beiden breitspurigen rücksichtslosen Kerlen an seinen Seiten in aller Ruhe erdrückt zu werden.
Ein schmaler, langer Gang, durch den knapp ein gewöhnlicher Handwagen ging, führte in den ziemlich geräumigen Hof. Ein geteertes Verdach zog sich ringsherum, unter dem eine große Anzahl schön dunkelblau gestrichener Handwagen stand. Einige Steinstufen führten vom Hof aus ins Haus, und vor den Stufen saß die Großmutter. Wohl hörte man sie vereinzelt »Die alte Jägern« nennen, aber sie war doch für alle und jeden ganz einfach »Die Großmutter«.
Sie saß auf einem vom Sitzen glänzend gewordenen Schemel, trug eine Hornbrille und ein schwarzes Kopftuch, das unter dem Kinn verknotet war. Trotz der Brille waren die Augen noch lebhaft, und lebhaft war auch die Zunge. Sie wußte, daß es morgen regnete, übermorgen der Regen aufhörte und den darauffolgenden Tag die Sonne bestimmt wieder schien. Ihre Arme und Beine waren da maßgebliche Propheten. Jedes Anliegen fand bei ihr einen Rat, eine Deutung. Für alle Wunden hatte sie ein geeignetes Pflaster oder eine Salbe. Und wenn gar nichts mehr half, brachte sie ein kleines grünes Gläschen und Flasche mit Kräuterschnaps. »Den mußt du mit Verstand trinken – das is was ganz Extraes. Der geht bis in die große Zehe – was!?«
Bauernfrauen, die vom Bahnhof kamen, fanden die Haustür schon zeitig offen. Sie stellten ihren Tragkorb in eine Ecke und sprachen mit der Großmutter vom Wetter, von der Ernte, vom Gemüse und von der neuen Glucke, die Staatseier lege. Die Großmutter bekam wohl auch die Eier in die Hand, wog sie prüfend und gab dann ihr Urteil ab. Sie bekam eine Messerspitze Butter zu kosten und mußte die verschiedenen Sorten Käse begutachten.
Dienstmänner, die den ganzen Tag kamen und gingen, führten sonderbare Gespräche mit ihr. Da sagte einer, er müsse gleich »de Fufzn« haben. »Zu was?« fragte die Großmutter. Ein Kleiderschrank wär's, antwortete der Dienstmann. Da wäre »de Sechsnzwanzj« noch lange gut. »De Sechsnzwanzj«? Nee – den Krepel könne sonstwer nehmen. »De Fufzn is noch jung, un muß geschont wärn – hier is de Sechsnzwanzj, un nu mach dich ja schwach!« Damit übergab die Großmutter dem Dienstmann einen Schlüssel mit einer Blechmarke, auf der die Zahl 26 eingestanzt war. Der guckte sich die Zahl genau an – denn bei der Großmutter wußte man nie recht, ob sie scherzte oder ernsthaft war –, zog an seiner kurzen Pfeife und blieb hartnäckig stehen. Zögernd ging er dann, einige Worte zwischen den Zähnen zerkauend. Wie »Krepel«, »unterwegs zusammenbrechen« und »Angstarbeiterei« klang es. Mit dem Schlüssel suchte er im Hof unter den vielen Handwagen herum, zog einem davon eine eiserne Kette vom Rad und fuhr zum Tor hinaus. Nun wußte man's. Die Wagen wurden vermietet, und die Großmutter war die getreue Schlüsselbewahrerin.
Wenn sie auch den Strickstrumpf hundertmal am Tage aus den Händen legen mußte, so strickte und stopfte sie immer wieder da weiter, wo sie zuletzt aufgehört hatte. Zwischendurch las sie in der Zeitung, konnte verwundert den Kopf schütteln und laut auflachen. Besonders auf bildliche Darstellungen war sie versessen. Sah sie irgendein Bild auf einem Stück Papier, das zum Einwickeln oder Verpacken benutzt worden war, so glättete sie's und legte es auf einen bereits gesammelten Stoß. Bei Gelegenheit wird es eingehend studiert.
Nur Sonntags konnte sie an einem der zwei kleinen Puppenfenster der Vorderfront sitzen. Da guckte sie auf die Straße, und der kleinsten Begebenheit galt ihr Interesse. So lebhaft war das Interesse mitunter, daß sie, den Hals reckend, von einem Fenster zum andern ging und bedauerte, wenn der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit ihren Blicken entschwunden war.
Sonntag für Sonntag – um eine bestimmte Zeit – kamen vorsichtige Schritte die knarrende Treppe herauf, und in die gute Stube der Großmutter trat Herr Pötsch aus Ötzsch. So lautete die scherzhafte Bezeichnung des alten Schuhmachers, der aus seiner Kleinstadt in die nahe Großstadt kam, um das frisch aufgearbeitete Schuhwerk an seine Kundschaft abzuliefern. Er hieß jedoch weder Pötsch, noch war er aus Ötzsch. Vielmehr hatte er, wohl von seinen eingewanderten wendischen Ahnen her, einen verflixten Namen, der auf »stwyski« oder »rszyk« endete. Da kam die Zunge leicht ins Stolpern. Er machte einen recht demütigen Eindruck, der Herr Pötsch aus Ötzsch. Kopfhängend ging er an den sonntäglich gekleideten Spaziergängern vorüber, wie einer, der weiß, daß es sein unabänderliches Los ist, jahraus, jahrein mit krummem Buckel zu gehen. Und wer so einen billigen, dauerhaften Stiefel lieferte und das Geld noch ratenweise erhielt, der mußte auch in der Großstadt viel Kundschaft haben.
Das hätte er vorigen Sonntag fein gedreht, erzählte er der Großmutter. Sie horchte aufmerksam zu. Wie selten kam sie aus ihrem Häuschen. Sie bot Herrn Pötsch aus Ötzsch erst einen aus dem grünen Gläschen an, der bis in die große Zehe ging. Was er also vorhin erzählen wollte, sagte der Schuhmacher, wie gesagt also – er wäre in eine Wohnung gekommen, da hätte er sich gleich an der Tür tief bücken müssen. Denn auf dem dunklen Korridor hätte Wäsche zum Trocknen gehangen, weil kein Trockenboden im Hause war. Die Frau läge stets wie halbtot auf dem Sofa, wenn er käme, weil sie den Sonntag zum Schlafen und Ausruhen brauche. Der Mann wickle Zigarren, hätte einen Stelzfuß zwischen den Speichen des Kinderwagens stecken und schiebe so den Wagen immer hin und her. Nun hätte er wochenlang kein Geld bekommen und habe zu dem Mann mit dem Stelzfuß gesagt, er solle ihm doch fünfzig Pfennig borgen, er hätte sein »Porteneechen« verloren und könne nun nicht nach Hause fahren. Die fünfzig Pfennig habe er auch bekommen. Nu – habe ich das nicht fein gedreht? – fragte Herr Pötsch aus Ötzsch die Großmutter und rieb sich die Handflächen ineinander; lächelnd über seine Schlauheit, durch solch kleine Notlügen nach und nach sein Geld zu erhalten.