Diejenigen Handwagen, deren Äußeres zerschabt und zerschunden war, frischte die Großmutter mit Ölfarbe wieder auf. Wenn sie die Lager der Räder ölte oder die Speichen mit Farbe streichen wollte, mußten ihr »die alten großen Fläze« die Wagen umkippen. Die »alten großen Fläze« waren die Jungen aus den Nachbarhäusern, die im Hofe der Großmutter heimisch waren, in dem es manchmal von Kindern beiderlei Geschlechts geradezu wimmelte. Großmutterkinder nannte man sie allesamt. Die, die sie als »Fläze« bezeichnete, empfanden diesen Namen keinesfalls als kränkend.
Wenn die Großmutter das sagte, mußte man ja eher lachen, ehe sie böse werden konnte! Ja – der wilde Max hatte einmal von ihr gesagt, daß man mit ihr ein ausgewachsenes Pferd mausen könne, sie würde sogar nebenherrennen. Und ob einer der Jungen die Haare schön gekämmt hatte, oder ob sie ihm wild auf dem Kopfe wuchsen – ob die Hose eines anderen soundsoviel große und kleine Löcher aufwies, oder einem Mädel der eine Strumpf bis auf den Schuh heruntergerutscht war – das waren Dinge, denen die Großmutter kein Gewicht beimaß.
Einmal kam ein ganz schwarzer Mann in einem ganz schwarzen Anzug in den Hof. Die bloßen Füße steckten in Lederpantoffeln, und auf dem Kopfe trug er das Zeichen der Gesellenwürde, den Zylinder. Über der Schulter hing das Kratzeisen und ein zusammengerollter schwarzer Strick, an dessen Ende eine eiserne Kugel und ein kleiner Besen hing. Das war der Kugelfang, den er in die Schornsteine hinableierte. In der Hand trug er einen kurzen, struppigen Kehrbesen. Das Weiß der Augen und das Rot der Lippen fiel besonders in dem schwarzen Gesicht auf. Die Kleinern flüchteten ängstlich, die größeren sicherten sich Rückenfreiheit und sangen:
Feuerrüpel Katzenschniepel! Kehre deine Esse aus!
Kehrse nich so reene, sonst kriegst du krumme Beene.
Der schwarze Mann war das gewöhnt. Er nickte freundlich und lächelte, daß man seine weißen Zähne sah. Als er fort war, wollten die Kinder etwas vom Feuerrüpel erzählt haben. Ja früher – sagte die Großmutter – da waren die Feuerrüpel viel mehr bekannt und beliebt. Einen Tag vor dem Schornsteinkehren hatten sie in den Höfen mit singender Stimme gerufen: »Mooooorjn wird gekehrt!« Das taten sie deshalb, weil sie beim Kehren solchen Ruß[4] in die Küche machten. Zu Neujahr hatten sie an jeder Wohnung geklingelt, einen Spruch hergesagt und zum neuen Jahre gratuliert. Dafür bekamen sie ein Trinkgeld in die offene Hand gedrückt.
[4] Scherzhafte Zurückweisung eines Querulanten: Mach keen Ruß in die Küche.
Mäuschenstill war es unter den Kindern, daß man hätte eine Katze schleichen hören. Da brach einer das Schweigen und sagte, die Großmutter solle doch noch einmal singen: »Mooooorjn wird gekehrt!« Das tat sie denn auch und mußte es noch mehrmals tun. Bis sie abbrach. Immer ein und dasselbe zu singen, mache keinen Spaß. Sie habe nämlich den Wagen hier zu streichen, sagte sie, und daher gar keine Zeit.
Nein, war das lustig, der Großmutter zuzusehen, wenn sie einen Wagen strich! Da rührte sie mit dem Pinsel lange in dem Blechtopf herum, strich den Pinsel fortwährend drehend am Rande ab, tauchte ihn wieder ein, strich ihn wieder ab, um dann langsam und gewissenhaft die Farbe aufzutragen. Dabei machte ihre Zunge, von einem Mundwinkel zum andern, jede Bewegung des Pinsels mit. »Nich lachen!« sagte sie, wenn ein unterdrücktes Kichern hörbar wurde. Ihre Worte bezweckten aber, daß alle umstehenden Jungen und Mädels erst recht laut lachten. Da drehte sich die Großmutter auf ihrem dreibeinigen Schemel herum und drohte mit dem Pinsel: »Ich wär eich gleich ä Schnurbart maln – da könnt ihr abber rumpeln, der geht nich gleich wieder weg. Nachert müßt ihr morjn so in die Schule gehn – da wärd eier Lehrer schön guckn.«
Die Großmutter malte weiter. Während sie, die Zunge im Mundwinkel, den Kopf zur Seite beugte, um zu sehen, ob sie auch keine trockenen Stellen gelassen hatte, sagte sie: »Ja – wenn ich dadran denke – damals wie ich in Kamerun war bei den Zulugaffern.« Ein jubelnder Widerspruch erhob sich. »Ha – gar nicht wahr – gar nicht wahr –.« »Doch – das war damals, als der siemjährige Krieg losfing«, sagte sie ruhig und erstaunt. Da wurde sie aber von einem der großen »Fläze«, der das letzte Jahr zur Schule ging, entlarvt. »Da lebte die Großmutter noch gar nich!« rief er. »Doch, ich war überall dabei – ich war vom Anfang an da – –.« »Wer wußte denn, daß der Krieg siem Jahre dauert, wie er anfing?« triumphierte er. Da verlor die Großmutter doch ihre Ernsthaftigkeit, und sie lachte, bis sie zu husten anfing und ihre Brille in den Farbentopf fiel. Lachende Tränen in den Augen, fischte sie die Brille mit dem Pinsel wieder aus dem Topf heraus.
Die Großmutterkinder hatten auf geschickte Weise ihren Geburtstag herausbekommen. Die kleine Trude von Bergers hatte ihre Mutter gefragt, diese Herrn Pötsch aus Ötzsch und der die Großmutter. Dann war die Erkundigung wieder ihren Weg zurückgegangen bis zu der kleinen Trude. Denn hinter einer direkten Frage hätte die Großmutter große Vorbereitungen und Feierlichkeiten gewittert. Schon um das zu verhindern, hätte sie ein ganz unmögliches, fernliegendes Datum angegeben.