Am Nachmittag dieses ausspionierten Geburtstags, der sechzigste war es, kam Richters Hermann – Männe hieß er kurz – mit einer Waschleine und begann sie kreuz und quer über den Hof zu spannen. Von der einen Bretterplanke zur andern – dann hinüber zur Teppichklopfstange und wieder zurück bis zu dem eisernen Haken über den Hackeklotz. Die Großmutter, die Buch darüber führte, daß die »14« eine Stunde und die »19« zwei Stunden vermietet worden war, sah verwundert auf. Was denn mit der Leine werden solle, fragte sie. »Ich weeß nich«, antwortete Männe. So – sagte die Großmutter – aus langer Weile spanne man doch die Leine nicht auf, da hätte sie doch auch ein Wörtchen mitzureden. Sie werde überhaupt gleich das große Küchenmesser holen und damit ein bißchen in dem Netz herumfitscheln. Ja – zuckte Männe mit den Achseln – ihm hätte einer gesagt, er solle die Leine über den Hof spannen, weiter wisse er auch nichts. Die Großmutter lachte. Da könne jeder kommen. Sie begann ihre ungelenken Buchstaben mit Hilfe der Zunge weiterzuzeichnen und dachte: entweder nimmt er die Leine wieder ab, oder es steckt etwas dahinter.

Als die Dämmerung hereinbrach, kamen die Kinder in Scharen und drängten die Großmutter ins Haus. Sie dürfe jetzt nicht herauskommen.

Alle hatten sie vom Sommerfest und besonders vom Tauchschen her ihre Papierlaternen aufbewahrt. Zwei handfeste Jungen rollten den Hackeklotz umher, Männe stieg hinauf, befestigte die Laternen an der Leine und brannte die darin steckenden Lichtstummel an. In der Mitte hingen sie ein mit Papier und Bindfaden lose umwickeltes Stück Kuchen auf.

Nun konnte die liebe gute Großmutter kommen. Helle Stimmen riefen ihren Namen. Sie trat auf die oberste Steinstufe und machte zuerst ein verdutztes Gesicht. Die bunten, eckigen, kugel- und länglichrund geformten Laternen verbreiteten ein mildes, gedämpftes Licht und warfen einen verklärenden Schein auf die Kindergesichter. Die Mädels stellten sich im Halbkreise auf und sangen:

Großemutter tralala,
Ging spaziern und dachte,
Sechzig Jahr sind kurz und langk,
Großemutter wärd nich krank,
Großemutter lachte.
Tralala. Tralala.
Großemutter, sachte.

Sie hatten dabei die Hände auf der Brust gefaltet, drehten die Daumen umeinander und nickten kurz mit dem Kopfe. Ließen sich im Takt ruckweise immer tiefer in die Knie sinken, bis sie bei der letzten Zeile in kauernder Stellung angelangt waren und so unbeholfene Schritte machten – ein mühsames Gehen darstellend.

Die Augen der Großmutter glänzten. »Nee nee –« sagte sie, »solche dumme Sachn – solche Dummheetn –.«

Man ließ sie aber nicht lange träumen. An den Händen wurde sie die Stufen herabgezogen, daß sie kaum folgen konnte. In der Mitte wurde haltgemacht. »Du ißt doch Kuchen gern, Großmutter, hier hängt welcher«, sagte Männe. »Wie sollchn den runterkriegn?« lachte sie. Männe zog mit seinem Laternenstock, an dessen Ende ein Drahthaken befestigt war, die Leine so tief herab, daß das Stück Kuchen dicht vor dem Munde der Großmutter baumelte. »Ihr denkt wohl, ich – mit mein zwee Zähn kann da neinbeißen –?« Sie suchte den Kuchen mit dem Mund zu haschen und sprang, so gut sie's vermochte, in die Höhe. Da ließ aber Männe die Leine zurückschnellen, so daß das Stück Kuchen hin und her geschleudert wurde und für die kleine Großmutter nicht mehr zu erreichen war. Alle kreischten vor Vergnügen. Sie faßten sich an den Händen, umtanzten sie und sangen den Vers:

»Un die Großemutter, die is meine, kann ich huppen lassen, wenn ich will.«

Männe wiederholte das Spiel mit dem Kuchen noch mehreremal, bis der Kuchen durch das Schleudern in der Mitte auseinanderbrach und zur Erde fiel. Sofort stürzte alles, was Hände hatte, über den Kuchen her, und binnen wenigen Augenblicken war bis auf einige Krumen nichts mehr übrig. Die Großmutter war atemlos und lachend bis zu ihrem Schemel gewackelt. Dort ließ sie sich niederfallen und rief, die Hände zusammenschlagend: »Un das nennt de Welt Geburtstag!« Die Nächststehenden streichelten ihr die Wangen und umhalsten sie. »Ihr wollt wohl Schindluder spieln mit eirer Großmutter. Ich hab doch nich mehr solche jungen Beene wie ihr.« Sie lachte immer noch. »Ihr seid mir ja das reene Chor der Rache. Ja – wenn ihr nich so tolles Volk wärd – hättch eich ooch nich so gerne. Nee, ich hatte schon Angst – ihr wolltet mir was schenkn. Ich hätts fertjgebracht, un hätts nich genommen. Da muß man sovielmal dankeschön sagen.«