Neugierige drängten sich an der Haustür, schauten den nun spielenden und singenden Kindern zu und schienen zu erwarten, daß noch etwas Besonderes geschähe. Man wollte doch wissen, was eigentlich in der Schloßbude »los« sei. Dienstmänner, die mit ihren Wagen durch die Hausflur polterten, trieben mit ihrem dringlichen »Hööööö« die Neugierigen auseinander.

Aus den Nebenhäusern riefen besorgte Mütter die Namen ihrer Mädels und Jungen; diese verabschiedeten sich von der Großmutter und wünschten ihr eine recht gute Nacht nach diesem herrlichen Abend. Eine Papierlaterne nach der andern verlosch. Die Großmutter holte eine Lampe aus dem Hause, zündete sie an und stellte sie auf den Hackeklotz. Das ungewisse Licht machte den dunklen Hof noch schattenhafter und geheimnisvoller. Hier glühte eine Zigarre auf, dort stieg der Rauch einer Pfeife schwebend empor und verlor sich. Die Fenster der Nachbarhäuser waren hell erleuchtet, ein blauer Sternhimmel guckte in den Hof herab, und von der Straße her tönte wie von ferne her ein immerwährendes Rumoren. Wie ein allmählich ruhiger und tiefer werdendes Atemholen war es. Die Großmutter strickte. Dann kratzte sie sich mit der Stricknadel gedankenvoll auf dem Kopfe, und mit einem kleinen Seufzer sagte sie: »So isses.«

Nun entstand ein Räuspern – ein Wagen knarrte – es klang wie das Aufrichten eines Körpers, der sich in eine andre Lage bringt. Und eine männliche Stimme sprach wie zu sich selbst, ins Ungewisse hinein: »Das is noch's scheenste, wemmer so ä bißchen vor sich hindösn kann – in der Dunkelheet.« Und aus einer andern Richtung kam es langsam und schwer: »Hm – wemmer das alles so mal vor sich sähe, was mer schon uff sein Buckel geschleppt hat – – – da könnte mer wohl ä kleen Eisenbahnzug vollfroppen darmit.« »Nich bloß ä kleen.« »Wennde da so dastehst, läßt den Zug an dir vorbeifahrn un willst de Wagen alle zähln – – das wärd ne tüchtge Nubbe.«

Die Großmutter hob den Kopf. »Sis ooch wahr – früh gehts los un ahmds hörts uff. Mer muß egal uffn Damme sin – een Dag wien andern, un renn un renn, daß man nur mitkommt. Sonntags, wennch an Fenstr sitze, un sehe den ganzn Spuk uff dr Straße vorbeiziehn – da mach 'ch de Oogen zu – un da gibts ä Ruck, un ich falle ganz tief nunter, wies een manchmal geht, wemmer im Bette liegt. Da summts un rauschts in Ohrn un in Koppe in een fort, un da komm de ganzn Leite, die mer so jeden Tag sieht un hört, und ich sehe mich selber mit so drinnerumquärln – – – 's is komisch – 's is komisch.«

Der Großmutter sank der Kopf herab. Sie war eingeschlafen.

»Großmutter!«

Ein Dienstmann rüttelte sie. »'s is schon spät – morjn früh is de Nacht alle!«

»Ja«, sagte sie schlaftrunken, steckte die Nadeln in den Garnknäuel, klemmte diesen unter die Achsel, nahm die Lampe in die eine und den Schemel in die andre Hand. Ganz langsam stieg sie so die Steinstufen hinauf und ging ins Haus.


Verlag von Georg Merseburger, Leipzig