Imm. Kant: „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“.

Ein Kapitän, der einige Jahre in den westindischen Gewässern kreuzte, traf dort, und zwar in Venezuela, mit einem Manne zusammen, dessen Erlebnisse zu dem Sonderbarsten zählen, von dem man gehört haben dürfte, und der auch sonst in seiner Persönlichkeit weit ab von den Bezirken des Alltäglichen stand.

Eine Verkettung von Umständen ließ den Kapitän in den Besitz der merkwürdigen schriftlichen Hinterlassenschaft des Mannes gelangen, und gab damit die Lösung eines geheimnisvollen Rätsels, über das hier berichtet werden soll, in seine Hände. –

Nachdem der Kapitän schon einige Male den venezolanischen Hafenplatz Porto Cabello angelaufen hatte, kam ihn dort eines Tages der Wunsch an, eine Wanderung in die Vorberge zu unternehmen, aus welchen der den Hafen bildende Fluß in einem Tale fließt, dessen wildromantische Schönheit sowohl wie seine Fruchtbarkeit sehr gerühmt werden.

Zwar befand sich das Land gerade wieder mitten in einer der dort üblichen Revolutionen, und ein Dutzend Meilen landeinwärts, beim Flecken San Felipe, war einige Tage zuvor gar eine Art von Schlacht geschlagen worden. Aber um den Hafen herum sollte noch alles ruhig sein.

Es empfahl sich also die Zeit zu nutzen, ehe die Kämpfe auch hierher übersprangen und das Spazierengehen in den Bergen unmöglich machten. –

Der Weg hat seine eigne Schönheit. Nach einer etwa einstündigen, recht heißen Wanderung durch die leichtansteigende Ebene gelangt man in den Taleingang, der von einem hochgelegenen, noch aus spanischer Kolonialzeit stammenden Bergfort bewacht wird.

Bald nachdem man in das Tal eingetreten ist, ziehen sich die Berge zu beiden Seiten enger zusammen. Der Fluß, der bisher dem Wanderer als ein träger, recht langweiliger und versandeter Wassergreis entgegengeschlichen kam, zeigt sich hier in dem Übermut tollender Jugend.

Mit sichtlicher Freude am Turnerischen springt er von Steinstufe zu Steinstufe, teilt sich gelegentlich vor widerborstig sich entgegenstemmenden mürrischen Felsen gewandt in mehrere Teile, vereinigt sich hinter den Verdutzten wieder mit gurgelndem Lachen zu verdoppelter Sprühkraft, spielt darauf in einem stillen, buchtartigen und tiefblauen Wasserbecken den Harmlosen, um sich gleich darauf wieder mit gewaltigem Satze brausend in eine Tiefe zu stürzen, friedliche Steine und allerlei ob der Störung verärgertes Geröll mit sich reißend.