Religion, Sitte, Moral und wie sonst sie diese selbstgeschaffenen Begriffe nannten, die gleich unsichtbaren, nur in der naiven Phantasie jener Menschen vorhandenen Gespenstern ihre Geißeln über ihnen schwangen, sie mehr und mehr von der Natur und dem Selbstverständlichen fortführten, ihre psychischen Qualitäten von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlechterten und unermeßliches Elend über die Menschheit brachten.

Es ist – um nur eines davon zu nennen – für uns heute unbegreiflich, welch’ ungeheuerliches, fürchterliches, dumm-geheimnisvolles Getue jene Menschheit mit dem reinsten und schönsten Dinge des Lebens, der Erotik anstellte! Die alte Geschichte lehrt, daß auf keinem Gebiete menschlicher Beziehungen mehr Unheil angestiftet wurde, als gerade hier. Mehr noch als in allen anderen Angelegenheiten ihres Lebens machten sich jene Menschen hier selber zu den armseligsten Sklaven. In unbegreiflicher Selbstqual verkümmerten sie sich künstlich den schönsten Ausdruck der Freiheit und des Lebens, den ihnen die Natur verliehen hat.

Es muß eine armselige, enge und dunkle Zeit gewesen sein inmitten aller ihrer Wunderwerke eines einseitig und künstlich hochgetriebenen Verstandes!

Das Höchste und Wertvollste an uns, unser Ich, die köstliche Freiheit, das zu tun oder geschehen zu lassen, wozu uns unser Wunsch und unser Wille treibt, von dieser Freiheit des Ich war in der Finsternis jener frühen Tage des Menschengeschlechtes nichts zu finden.

Der lange Weg vom behaarten Menschentiere, das in den Schachtelhalmwäldern nach Nahrung suchte, zum heutigen geistigen Menschentume führte durch eine gewaltige, öde Wüste, in der lediglich die Kunst Oasen einer allerdings köstlichen Erfrischung schuf.

Wie lange doch hat es gedauert, bis man sich dazu verstand, alle die unzähligen, phantastischen Selbstbeschränkungen über Bord zu werfen, zu lernen auf den eigenen Füßen seines eigenen Ich zu stehen und als einziges Gesetz anzuerkennen:

„Sei frei wie der Adler über den Bergen, aber nicht auf Kosten eines deiner Mitmenschen, deren jedem dein Handeln zu allen Stunden Vorbild sein soll.“

Um aber endlich die arme gemarterte und gefesselte Menschheit aus dem Dunkel der Sklaverei ins Licht der wahren Freiheit zu führen, bedurfte es erst der größten Umwälzung aller Zeiten: der Vergeistigung.

Wer diese höchste Tat vollbrachte, wer das große Menschenrätsel endlich löste, diese Frage ist schwer zu beantworten.

Schon in der vor-elektrischen Maschinenzeit begann jene Wissenschaft aufzukeimen, die man damals Psychologie nannte, eine unbegreiflicherweise gering geschätzte Wissenschaft, der man gerne die „Wissenschaftlichkeit“ absprach, und die man zeitweilig sogar als „materialistisch“ mit Haß verfolgte.