Ferner – es mochte wohl der Ausfluß einer Art von bösem Gewissen sein – bemühte sie sich, ihr Herabsteigen zu mir vor ihrem Vater zu verbergen, welcher Rückfall in die barbarische Gewohnheit der Verstellung diesen auf das schmerzlichste bewegte.
Das Bedenklichste aber war, daß Irid nicht nur die Freiheit ihres eigenen Denkens aufgegeben hatte und sich als einen Teil von mir fühlte, in demselben Maße meine Hörige, als vor unserer Vereinigung ich der ihre gewesen war, sondern vor allem, daß sie auch aufhörte, diese persönliche Freiheit als das unter allen Umständen allein menschenwürdige zu betrachten.
Sie stand nicht an, zu erklären, daß der barbarische Zustand der Urzeiten, in welchem das Weib im geliebten Manne zu einer köstlichen zweisamen Einheit von Seele und Leib ganz aufzugehen vermöchte, das Höhere und Edlere sei.
Irid war zur Barbarin geworden!
Als mir das Verständnis aufging für die Konflikte, die sich mit unbedingter Notwendigkeit hieraus ergeben mußten, war es schon zu spät. Im übrigen hätte ich doch nicht vermocht ein Naturereignis aufzuhalten.
Ich bemühte mich nun wie in der ersten Zeit unseres Beieinanderseins, mich Irids früherem Denken und Sprechen wieder zu nähern. Ich drang darauf, daß sie meine Unterrichtung in ihrer Sprache mit größerer Intensität betriebe. Ich fand auch große Freude daran, mich in der schweren Schriftsprache ihrer späten Welt unterrichten zu lassen.
Diese Schriftsprache ist eine Synthese von Buchstaben- und Zeichenschrift. Konkrete Dinge werden wesentlich in Buchstabenschrift gegeben, abstrakte dagegen, Haupt- wie Zeitwörter, in Zeichenschrift, und zwar dergestalt, daß man in einer geistvollen und inhaltsreichen Weise die Zeichen der einzelnen Grundelemente zu neuen Gruppenzeichen, die dann die auszudrückenden Begriffe ergeben, vereinigt.
So kann man sich, um ein Beispiel zu geben, das gesprochene Wort „Liebe“ auf die mannigfaltigste Weise geschrieben denken, je nach der seelischen oder vielleicht auch rein körperlichen Art der bestimmten „Liebe“, von der die Rede sein soll:
Will man etwa von der ersten keuschen Liebe eines knabenhaften Jünglings zu einem noch halb kindlichen Mädchen sprechen, so vereinigt man in gewisser Weise, je nach Geschmack, Phantasie und Absicht, vielleicht die Zeichen für Knospe, Herz, Sonnenaufgang und Liebessehnsucht zu einem neuen synthetischen Zeichen. Oder aber man will eine rein erotische, ohne seelische Beteiligung stattfindende, lediglich geschlechtliche Liebe ausdrücken, so finden sich Zeichen mehr anatomischer Genesis zu einem Gesamtbegriff zusammen.
Man sieht, daß diese Art des Schreibens sich stark der kollektivistischen Denk- und Ausdrucksmethode der Drom-Menschen nähert.