Über die Bedeutung der Körner herrscht noch große Unklarheit. Während man früher, ganz gefangen von der wunderbaren Gesamterscheinung der Zelle, ihnen geringe Beachtung schenkte, widmet man ihnen neuerdings größere Aufmerksamkeit und betrachtet sie, wenn auch nicht wie Altmann in seiner erwähnten Körnertheorie als die Elemente des Lebens, so doch als die Träger und Zentralpunkte der einzelnen Zellfähigkeiten und unterscheidet demgemäß mehrere Arten.

In allen Zellen verbreitet sind die Atemkörner. Diese sollen einen Stoff in sich hegen, der ähnlich wie der eisenhaltige Blutfarbstoff der Blutzellen große Anziehungskraft auf den Sauerstoff der Atemluft ausübt, diesen aus der Zellumgebung begierig an sich reißt, das Sauerstoffmolekül spaltet und die einzelnen Sauerstoffatome den verschiedenen Bezirken der Zelle zuführt. Die Atemkörner spielen demnach für die Zelle dieselbe Rolle wie die Blutzellen für den Gesamtorganismus, sie sind die Atemgasbinder und -verbreiter.

Ebenso allgemein wie die Atemkörner findet man die Speicherkörner, die, wie jene die Atemgase, die aufgenommenen Nährstoffe der Zelle chemisch an sich binden, aufspeichern und zu gegebener Zeit wieder abspalten. Je nach ihrer Sondertätigkeit bezeichnet man sie als Fettkörner, wenn sie Fett speichern, als Muskelkörner, wenn sie in den Muskeln die Stärke als den Betriebsstoff der Muskelzellmotoren sammeln, als Nervenkörner in den Nervenzellen und als Dotterkörner in den Eizellen. In größter Zahl angehäuft finden sie sich in den Ausscheidungs- oder Drüsenzellen, wo sie als Drüsenkörner in engster Beziehung zu den Ausscheidungstätigkeiten der Zelle stehen. Zu Beginn der Drüsentätigkeit sieht man die Drüsenkörner anschwellen und dunkler werden, auf der Höhe der chemischen Fabrikation des Drüsensaftes sind sie so gequollen und saftgefüllt, daß einzelne von ihnen als kleine Bläschen erkennbar sind; nach der Ausscheidung schrumpfen sie und verschwinden zum größten Teil unter die Grenze der Sichtbarkeit (Abb. 11, [Tafel IV]).

Die Körner, die man in so auffallender Zahl in den Nierenzellen sieht, sollen die Gifte des Blutes an sich reißen und in Harnverbindungen überführen, die Talgkörner in den Talgzellen das Talgfett herstellen, die Hornkörner in den Hornzellen das Horn der Haut bereiten, die Leimkörner den Leim, die Knorpelkörner Knorpelstoff zusammensetzen.

Besonders auffallend wegen ihrer leichten Färbbarkeit und daher früh erkannt und benannt sind die Nervenkörner in den Zellen des Rückenmarks und Hirns, die ganz offensichtlich die für die Maschinerie der Nervenzellen notwendigen Betriebsstoffe in sich sammeln. Denn in Ruhe und nach Schlaf, wenn die Tätigkeit der Nervenzellen eine geringe ist, sieht man sie sich mehren und schließlich die Zelle dicht und dick erfüllen. Unterwirft man nun das Versuchstier schwerer Arbeit oder starken seelischen Erregungen, so verblassen die Körnchen und schwinden schließlich ganz. Aus der Anzahl der Körner in den Nervenzellen kann man ohne Kenntnis des Vorlebens auf die Vergangenheit und den Nervenzustand ihrer Träger schließen. Die Nervenzellen eines gesunden Kindes oder kräftigen Mannes sind reich an Körnern; die des Erschöpften und Gealterten sind körnerleer, er hat, sagt ahnungsvoll treffend der Volksmund, seine Nervenkraft verbraucht (Abb. 12, [Tafel IV]). Der Mensch, der hinausstürmt ins Leben, hoffnungsvoll, tatenfreudig, kraftgeschwellt, und der dann als Greis zurückkehrt in den Hafen seiner Träume, abgehetzt, des Jagens müde und zufrieden, sich selbst noch zu besitzen, er hat auf seiner Fahrt nicht nur Hoffnungen verloren und Heimat und Jahre, sondern auch den Inhalt seiner Nervenzellen:

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer,
Als ich wiederkam, als ich wiederkam,
War alles leer.

Eine andere, eigenartige und noch durchaus nicht aufgeklärte Rolle spielen in den Zellen die Pigmentkörner, die Träger jenes braunen Farbstoffs Pigment, dem der Körper seine dunklen Farben verdankt, den gelblichen Ton der Haut, das Negerschwarz, Indianerrot, Mongolengelb, ferner das Braun der Haare und das Dunkel der Augen. Die Pigmentkörner sind Schutzorgane der Zelle gegen die Einwirkungen des Lichtes, sie sind die Fensterläden an dem lebenerfüllten Glashaus der Zelle. Von höchster Wichtigkeit sind sie daher für die Sehzellen des Augenhintergrundes, die das Sonnenlicht unmittelbar und noch verstärkt durch die Brennglaswirkung der Augenlinse auffangen, weshalb man die Pigmentkörner in ihnen in sonst ungekannter Zahl und Geschäftigkeit am Werke sieht. In dichten Massen liegen sie an den Wänden der Stäbchen- und Zapfenzellen des Augenhintergrundes. Befindet sich das Auge in Schatten oder mildem Licht, so wandern die Pigmentkörner an den Grund der Zelle, um es ungehindert eintreten zu lassen: der Fensterladen der kleinen Lichtkammer ist aufgezogen. Läßt man nun grelles Sonnenlicht in das Auge fallen, so rollen die Körner längs der Zellwand herab wie die Leisten eines heruntergelassenen Fensterladens: das Zellfenster ist verhangen und das Glashaus geschützt gegen die sengende Glut. Sonnenschirme und Jalousien sind keine Erfindungen der Kultur, sie sind kein Luxus unserer Schönen, ihren zarten Teint zu schonen, und kein „Komfort” für die Terrasse des Hotels, damit die Gäste unbelastigt ihren Mokka schlürfen, — schon der Glaspalast im Mikrokosmos hat vor seinen Fenstern auf der Sonnenseite seine Jalousien, und vor den Plasmascheiben, durch die das Licht der Welt ins Zellenhaus des Menschen scheint, rollen die gelben Läden sinnvoll auf und nieder . . . (Abb. 13, [Tafel IV]).

In gleicher, wenn auch nicht so augenfälliger Weise schützen sich die Zellen der übrigen Körperoberfläche gegen die Wirkungen des Lichtes und der Wärme, weshalb das dunkle Pigment in so reichlichem Maße bei den die Tropen bewohnenden Völkern als das Negerschwarz der Haut vorhanden ist.

Neben der Lichtschutzwirkung müssen die Pigmentkörner andere uns noch unbekannte Funktionen erfüllen. Irgendwelche geheime Beziehungen herrschen zwischen ihnen und der allgemeinen Lebenstüchtigkeit des Plasmas. Geschöpfe, deren Plasma verhältnismäßig reich an Pigmentkörnern ist, sind lebenskräftiger als ihre pigmentarmen Genossen. Pigmentmangel ist ein Zeichen der Lebensschwäche. Manchen Wesen fehlt das Pigment überhaupt, auch in Haaren und Augen. Sie sind daher nicht nur hellhäutig, sondern auch weißhaarig und infolge des aus dem Augenhintergrunde durchschimmernden Blutes rotäugig. Diese Albinos, Weißlinge oder Kakerlaken, diese weißen Raben stehen ihren dunklen Brüdern an Gesundheit, Widerstandskraft und Fortpflanzungsfähigkeit — bemerkenswerterweise oft auch an Charakterbildung — wesentlich nach. So ist die Tuberkulose unter den blonden und hellhäutigen Menschen verbreiteter als unter den dunkelfarbigen der gleichen Rasse. Ein auffallendes Beispiel bieten die Schweine Virginiens. Die hellen unter ihnen gehen nach dem Genuß der giftigen Wurzel Lachnanthes zugrunde, während die schwarzen Schweine sie ohne Schaden genießen. Die inneren Beziehungen zwischen Pigmentreichtum und Gesundheit sind noch unbekannt.

Neben den Atem-, Speicher- und Pigmentkörnern besitzen alle Zellen als eine weitere Art die Reizkörner, Körnchen, die im Gegensatz zu der allgemeinen Empfindungsfähigkeit des Plasmas eine erhöhte Reizbarkeit und vor allem die Fähigkeit besitzen, Reize aufzuhalten, zu sammeln, dadurch zu erhöhen und sie dann umzuschalten. Die Reizkörner sind die Sammler und Umschalter, die Akkumulatoren und Transformatoren der Zelle. Als solche liegen sie vornehmlich an jenen Punkten, wo Reizsammlung, -verstärkung und -umschaltung erforderlich sind, z. B. bei Wimperzellen an den Wurzeln der Flimmerhaare, die sich unter ihrem Einfluß rhythmisch bewegen. Zerstört man diese Reizkörner, so kann die Zelle ihren Wimperhaaren keine gesammelten und geordneten Reize mehr zusenden, und sie stellen ihre harmonischen Bewegungen ein, um nur noch ungeordnet durcheinander zu schlagen.