In den Wimperzellen mancher Tiere findet man nicht nur einzelne Reizkörner, sondern ein ganzes kunstvoll ausgebildetes Reizleitungssystem von größeren und kleineren Körnern, die durch Leitungsfäden miteinander verbunden sind (Abb. 14, [Tafel V]). Solch eine Zelle mutet an wie ein elektrischer Apparat. Ob sie sich vielleicht dereinst als ein solcher enthüllt?

Als ein Reizkorn erster Ordnung ist der Zentralkörper der Zelle aufzufassen. Er ist zwar größer als die übrigen Plasmakörner, aber noch immer unvorstellbar klein. Denkt man sich nach dem Vorschlag Reinkes eine Zelle eine Billion mal vergrößert, so wäre sie eine Kiste von 12 m Kantenlänge. In dieser Kiste läge der Kern so groß wie eine Kokosnuß, neben ihm der Zentralkörper wie eine Erbse. In Wahrheit fänden also eine Billion Zentralkörper in einer Erbse Raum, so viele, daß man 20 000 Jahre zählen müßte, um den Inhalt der einen Erbse aufzuzählen. Dennoch besitzt der Zentralkörper, wie durch eingehende Forschungen festgestellt wurde, einen mathematisch abgezirkelten, man möchte sagen astronomischen Bau (Abb. 15, [Tafel V]).

Er liegt fast immer dicht neben dem Kern der Zelle und steht zu ihm in so nahen Beziehungen, daß manche Forscher ihn als einen außerhalb des Kerns liegenden Kernteil auffassen.

Im Zentralkörper lauft das gesamte Faden- und Wabennetz des Zellplasmas zusammen. Wie eine Spinne in ihrem Netz liegt er im Knotenpunkt aller Fäden und beherrscht sie als das zentrale Reizkorn. Da die im Zentralkörper zusammenlaufenden Fäden sich in seiner Nähe aufs engste nähern müssen und wahrscheinlich auch gegenseitig abplatten, kann man sie in seiner Umgebung kaum mehr wahrnehmen, so daß der Zentralkörper von einem hellen faden- und wabenfreien Hof umgeben scheint wie die Sonne, deren Strahlen man in ihrer Umgebung der Fülle wegen nicht erkennen kann. Der Zentralkörper ist als Sammelpunkt und Schaltstelle der Bewegungsreize der Motor der Zellmaschine, in die Ausdrucksweise der Wissenschaft übersetzt, das motorische Zentrum der Zelle. Daher findet man ihn in den Zellen immer an jenen Punkten, an denen die lebhafteste Bewegung stattfindet. Bei Zellen mit peitschendem Schwanz sitzt er an der Ansatzstelle der Geißel, bei Wimperzellen an der Wurzel der bewegten Haare, bei den Drüsenzellen inmitten der ausfließenden Massen und bewirkt hier die feinen Zuckungen des Plasmas, durch die der Drüsenstoff ausgeschieden wird. Am prächtigsten jedoch tritt er bei dem gewaltigsten Bewegungsprozeß im Leben der Zelle hervor, bei ihrer Teilung.

Die höheren Pflanzenzellen, in denen die Bewegung gegenüber den chemischen Vorgängen völlig in den Hintergrund getreten ist, haben keinen Zentralkörper mehr entwickelt. Das Fehlen des Zentralkörpers ist neben dem Besitz einer festen Wand das zweite Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle.

In engster Beziehung zum Zentralkörper steht der ihm benachbarte Kern. Im Gegensatz zu den übrigen meist unfärbbaren und grau in grau verschwimmenden Teilen der Zelle besitzen die Kernsubstanzen große Verwandtschaft zu gewissen Farben, dem Karmin, dem aus dem Holz eines tropischen Baumes gewonnenen Hämatoxylin (= Holzrot) sowie den bei der Anilinfabrikation gewonnenen Anilinfarben Eosin (= Morgenröterosa), Safranin (= Safranrot), Gentianaviolett (= Enzianpurpur) und dem Bismarckbraun. Legt man Zellen nach bestimmten Vorschriften einige Minuten in diese Farben, so enthüllt der Kern in leuchtender Pracht die Feinheiten seines edel gegliederten Baues.

Seine eigentliche Grundmasse bleibt ungefärbt. Es taucht ein Netz von Fäden auf, das den Kern wie ein Spinnengewebe durchzieht und in dessen Knotenpunkten dunkelgefärbte Körner liegen. Dieses Netz besteht aus den feinsten Eiweißverbindungen, die unsere irdische Welt hervorgebracht hat, phosphorhaltigen Eiweißkörpern, die man wegen ihres einzigen Vorkommens in den Zellkernen als Kerneiweißkörper (Nukleoproteide) bezeichnet. Das aus ihnen zusammengesetzte Gefüge nennt man wegen seiner starken Färbbarkeit mit den angeführten Farben die Farbmasse des Kerns oder das Chromatin. Das Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle. Es ist gewiß kein Stoff in chemischem Sinne, nicht einmal in der hohen Auffassung, die wir von den höchsten Eiweißverbindungen mit ihren tausendatomigen Molekülen haben, sondern eine äußerst feine und höchst verwickelte Maschinerie einer uns unvorstellbaren festflüssigen Konstruktion, die mit dem Bauplan unserer starren Maschinen nichts gemein hat. Neben dem Phosphor enthält der Zellkern immer noch Spuren von Eisen, vermöge deren der Kern genau wie die eisenhaltigen roten Blutzellen und Atemkörner begierig Sauerstoff aufnimmt. Die Anordnung des Chromatins ist sehr wechselnd und schwankt von regelloser Anhäufung einzelner Körner bis zu den kunstvollst geschlungenen Bändern (Abb. 16, [Tafel V]).

Bei starker Vergrößerung tauchen noch weitere Feinheiten im Kerninnern auf. Die Fäden des Chromatinnetzes lösen sich in einzelne tonnenförmige Teile auf und beweisen so ihre Zusammensetzung aus einzelnen Bausteinen. An der Grenze des Kerns entdeckt man eine feine Haut, die wie eine Ballonhülle aus feinen, spiralig gewundenen Fäden gewoben ist, den Kern fest umspannt und durch die starke Füllung des Kerns mit Kernsaft prall gebläht ist. In diesem Kernsaft schwimmen die Kernteile wie das Kind im Fruchtwasser des Mutterleibes gegen Druck und Stoß wunderbar bewahrt.

Legt man eine solche mit Karmin rot gefärbte Zelle in eine säurehaltige Farbe wie das Eosin, so treten neben den bisher erschienenen Kernteilen infolge ihrer Verwandtschaft zu sauren Farben noch weitere Einzelheiten in zarten Rosatönen hervor. Im Innern des Kerns taucht ein zweiter kleinerer Kern auf, der Kernkörper (s. Abb. 10, [Tafel III]). In diesem entdeckt man bei sehr starker Vergrößerung abermals ein kleines Körperchen, das Kernkörperchen. Nimmt das Wunder nie ein Ende? Schließlich entdeckt man noch bei feinem Zuschauen zwischen den Fäden des Chromatinnetzes als ein Untergewebe ein ganz zartes, schwachgefärbtes Netz, das Kernfadennetz (Abb. 10, [Taf. III]), aus dessen Grund sich das stark gefärbte Chromatinnetz wie eine Goldstickerei auf einem rosa Tüllgewebe heraushebt. So ist der Teppich des Lebens gewirkt aus Schönheit und Geheimnis, ein Schleier, hinter dessen Rätselornamenten in ewig strahlender Jugend die Göttin des Lebens lächelt. Wird je ein Jüngling zu Sais kommen, der ihn hebt und in ihr unverwelklich Antlitz schaut? Und wenn, wird er dann nicht hinter ihrem Mona-Lisa-Lächeln ein neues, tieferes Geheimnis seines menschlichen Aberwitzes spotten sehen?

Durch seinen feingegliederten Bau erweist sich der Kern schon äußerlich als der Sammelpunkt der edelsten Teile des Plasmas, als das Hauptorgan in dem Elementarorganismus Zelle. Halbiert man eine kernhaltige Amöbe, so daß nur die eine Hälfte den Kern behält, so lebt dieser Teil fort und ergänzt sich bald wieder durch Wachstum zu einer vollständigen Zelle. Die kernlose Hälfte dagegen zeigt ein merkwürdiges Verhalten. Sie bewegt sich noch und empfindet noch, sie frißt auch, denn dies sind ja die Tätigkeiten der Außenteile der Zelle. Aber sie vermag die aufgenommene Nahrung nicht zu verdauen, kann sich folglich nicht mehr nähren, nicht wachsen und nicht fortpflanzen, sie verhungert und stirbt nach einigen Tagen, ein Opfer jener Arbeitsteilung, die die Fähigkeiten der Bewegung, Empfindung und Nahrungsaufnahme an die Grenze, die Fähigkeiten des Stoffwechsels und der Fortpflanzung in die Zellmitte, den Kern, verlegte. Außerdem zeigt die kernberaubte Hälfte noch „nervöse” Störungen. Verwundet man sie, so kann sie nicht mehr die übliche Wundhaut ausscheiden, ebenso wie kernberaubte Pflanzenzellen ihre Zellwand und Kieselzellen ihre zerbrochene Schale nicht mehr ergänzen können ohne Kern. Die kernhaltige Amöbe haftet an ihrer Unterfläche, die kernberaubte vermag dies nicht mehr und gleitet ab. Diese offenbare Beziehung des Kerns zu den Ausscheidungen der Zelle tritt in voller Deutlichkeit bei den Drüsenzellen in Erscheinung. In vielen Drüsenzellen niederer Tiere ergießt der Kern während der Absonderung seine Farbmasse in das Zellplasma, um ihm gewisse Drüsenstoffe zuzuführen. In den menschlichen Zellen schwillt er vor der Ausscheidung bis auf das Fünffache an, um danach erschöpft zusammenzuschrumpfen. Der Kern ist im Gegensatz zum Zentralkörper, dem motorischen Zentrum, das chemische Zentrum der Zelle. Da weitaus die meisten chemischen Umsetzungen im Plasma unter Sauerstoffbindung einhergehen — aus diesem Grunde müssen wir ja beständig Luft, Sauerstoff schöpfen —, besitzt der Kern eine hohe Aufnahmefähigkeit für Sauerstoff. Diese kann man an lebenden Zellen unmittelbar nachweisen. Führt man einer Zelle einen Stoff zu, der durch seine Verbindung mit dem Sauerstoff seine Farbe verändert, beispielsweise wie das schwarze Eisen durch Sauerstoffaufnahme rostrot wird, so tritt diese Verfärbung am ehesten und stärksten in der Umgebung des Zellkerns auf. Hat man den Zentralkörper wegen seiner Reizempfindlichkeit das zentrale Reizkorn genannt, so kann man den Kern wegen seiner Sauerstoffbegier als das zentrale Atemkorn bezeichnen. Der Kern ist die Lunge der Zelle. Organe, die infolge ihrer angestrengten Tätigkeit viel Sauerstoff verbrauchen wie die Leber, die Niere, das Gehirn, sind reich an großen kräftigen Kernen. Größe und Dunkelfarbigkeit sind die Zeichen der Kernkraft und Zellgesundheit, Schrumpfen und Blassen des Kerns die Merkmale der Zellerschöpfung und -erkrankung, und Kernlosigkeit das sichtbare Zeichen des Zelltodes. Schabt man sich von der Zunge Zellen ab, so reißt man lebende Zellen herunter, in denen man deutlich Kerne sieht. Reibt man sich dagegen von der Haut Zellen ab, so findet man unter dem Mikroskop verhornte kernlose Zellplatten, die Leichen jener längst gestorbenen Deckzellen, von denen unsere Körperhaut wie mit einer Schicht von Schutzschilden umpanzert ist.