In seiner höchsten Wesenheit offenbart sich der Zellkern in seiner letzten und bedeutendsten Eigenschaft als Fortpflanzungs- und Vererbungsorgan der Zelle bei der Teilung. Jede Zelle pflanzt sich fort durch Teilung. Eine andere Art von Zellentstehung als Zelle aus Zelle gibt es nicht, kann es nicht geben, sowenig Menschen anders als aus Menschen geboren werden können. Omnis cellula e cellula ist einer der klassischen Grundsätze der Lebenslehre.
Die einfachste Form der Zellteilung sehen wir bei der niederen Zellform, der Amöbe. Die Plasmamassen fließen nach rechts und links auseinander, der Kern, sofern er schon ausgebildet ist, zieht sich in die Länge, zerfällt in zwei Hälften, das Plasma ebenfalls, und aus einer Zelle werden deren zwei (s. Abb. 6, [Tafel II]).
Diese Teilungsart ist roh und nur möglich auf einer Stufe, auf der das Plasma noch nicht eine so feine Organisation angenommen hat wie in den höheren Tier- und Pflanzenzellen. Man kann sich vorstellen, daß eine Tonschüssel erweicht und sich nach Art einer Amöbe in zwei Schüsseln teilt, bei einer Taschenuhr ist eine solche Halbierung undenkbar. Um trotzdem eine genaue Teilung bis in die kleinsten Einheiten zu ermöglichen, hat sich die Fortpflanzung der Zelle im Lauf der Entwicklung zu einem Naturspiel herausgebildet, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, daß es in der ganzen uns bekannten Welt nicht seinesgleichen hat. Vergebens wird man das All nach Raum und Zeit durchschweifen, um eine Naturerscheinung zu entdecken, die in ähnlicher Art Schönheit und Geheimnis, Gesetzmäßigkeit und bewegte Dramatik vereinigt. Der Astronom sucht ihresgleichen vergebens in den fernsten Sonnenzügen seiner Himmel, der Physiker findet sie nicht im Reich seiner strengen Gesetze, der Geologe gräbt nach ihr vergebens in Granit und Gneis und der Erforscher der Atmosphäre nimmt ihrer nicht wahr zwischen Kumulus und Zirrus. Mit ihren pompösesten Bühneneffekten, mit Wellenrauschen und Alpenglühen, Gewitter, Regenbogen und Vulkanen kann die leblose Natur ein Schauspiel ihrer Art nicht inszenieren. Die Teilung der Zelle ist das Mysterienspiel des Lebens, das nun vor unseren Augen anhebt. Das Meer glättet sich, und die Wellen kauern in den Ecken, der Mond steht still wie einst zu Gideon, der Regenbogen sinkt in sich zusammen, die Vögel kommen zwitschernd und sammeln sich im Rankenwerk der Säulen, und die Jahreszeiten treten in die Logen, — die Sterne am Deckengewölbe erlöschen, der Wolkenvorhang hebt sich, und unter Blitz und Donner beginnt auf der Bühne des Welttheaters vor dem Parterre der atemlos lauschenden Natur das Weihespiel des Lebens: die Teilung der Zelle (Abb. 17, [Tafel VI]).
Groß, klar und gläsern steht sie da. In der Mitte der Kern, neben ihm der Zentralkörper, beide in der Gleichgewichtsachse, die durch den Mittelpunkt der Zelle geht. Mit einer Störung dieser Ruhelage beginnt das Schauspiel. Der Zentralkörper, der Motor der Zelle, läuft an. Er rückt aus der Gleichgewichtsachse heraus und bringt damit eine Kette von Veränderungen in Bewegung. Er selbst schwillt, breitet seine Streifenkrone aus und durchstrahlt sonnenhaft das Plasma, dessen Fäden und Waben sich um den strahlenden Punkt im Kreise ordnen. Unter zunehmender Strahlenstärke teilt sich der Zentralkörper in zwei Hälften, die, jede von ihrer Krone umgeben, aus der Äquatorgegend der Zelle den beiden Polen des kleinen Alls entgegeneilen. Währenddes begann auch der Kern zu quellen, sein Rand wird verwaschen, die Körner in ihm sammeln sich. Sind sie, wie in vielen Zellen, zweigförmig in ihm ausgebreitet, so wandern die Seitenäste der Blitzfigur in die Hauptäste, wodurch diese dunkler und dicker erscheinen, die Hauptäste verkürzen sich, trennen sich dadurch völlig voneinander und bilden nun einzelne haarnadelförmig sich biegende Schleifen. War das Chromatin dagegen in verstreuten Körnchen ausgebreitet, so reihen sich diese aneinander und bilden ein Band, das sich wie ein Knäuel durch den engen Raum des Kernes windet. Das Band verkürzt sich und zerfällt ebenfalls in einzelne sich haarnadelförmig biegende Stücke, die Chromatinschleifen. Das Kernkörperchen, der Kernkörper, das Fadennetz und alle übrigen Nebenteile des Kerns verschwinden in der allgemeinen Wirrnis. Wohin, wozu? hat noch kein sterblich Aug’ gesehen.
Dieweil sind die Zentralkörper so weit auseinandergerückt, daß sie sich nun an den beiden Zellenden wie Nord- und Südpol gegenüberstehen. Aber sie haben den Zusammenhang nicht verloren. Zwischen ihnen laufen wie die Längsgrade zwischen den Polen des Erdglobus die Plasmafäden in Form einer Spindel durch die Zelle. In der Mitte dieser Spindel, wo sie sich im Äquator am weitesten ausbaucht, liegt oder vielmehr lag der Kern. Denn alles ist an ihm verschwunden, nur die stark hervortretenden haarnadelförmigen Chromatinschleifen sind geblieben und ordnen sich nun wie unter dem Geheiß eines Künstlers zu einer harmonischen Figur. Sie treten alle in die Äquatorebene der Zelle und bilden hier einen Stern, indem sie sich im Kreise stellen, mit ihren Winkeln gegen den Mittelpunkt, mit ihren freien Enden gegen die Oberfläche der Zelle weisend. Man lege sechs Haarnadeln auf den Tisch kreisförmig um einen Punkt, so daß ihre Kurven alle gegen diesen Punkt gerichtet sind, und man erhält das genaue Abbild dieses Teilungssterns. Jeder Apfel, jede Apfelsine und Zitrone sind Kolossalmodelle der sich teilenden Zelle. Schneidet man eine dieser Früchte zwischen ihren Nadelpunkten durch, so trifft man die Obstkerne im Äquator sternförmig um den Mittelpunkt geordnet und im Fachwerk der Frucht liegend wie die Schleifen des Teilungssterns in den Spindelfasern der sich teilenden Zelle.
Aber das Wunder steht nicht still. Alle bisherigen Wandlungen sind nur die Vorbereitungen für die jetzt beginnende Teilung. Die Schleifen des Teilungssternes spalten sich der Länge nach, so daß aus je einer dicken Haarnadel zwei dünne werden und so sich ihre Zahl verdoppelt.
Mit dieser Spaltung der Schleifen beginnt die Teilung und ist sie vollendet. War alles Vorangegangene nur Vorspiel, so ist alles Folgende nur Nachspiel dieser Spaltung. Sie ist der große Höhe- und Wendepunkt, dem alles zustrebt in diesem Drama, und der das Geschick entscheidet; sie ist der große Augenblick der Offenbarung in diesem Mysterienspiel, in dem, umstrahlt vom Doppelglanz der Sonnen, die Krone des Lebens erscheint und sich teilt zur Verjüngung und zwiefachen Neugeburt des Daseins auf Erden.
Die beiden Hälften der längsgespaltenen Schleifen trennen sich. Während sie bisher alle in einer Ebene, der Mittelebene der Zelle, nebeneinander lagen, biegen sie sich nun wie Drähte in der Hitze des Feuers, die eine Hälfte jeder Schleife dem einen, die andere Hälfte dem andern Pol der Zelle zu und wandern, von den Zentralkörpern angezogen, längs der Spindelfasern den strahlenden Zentralkörpern zu, wie Kometen mit ihren spitzen Winkeln den Sonnen ihres Plasmaalls entgegenfliegend. Auf dieser Polfahrt nähern sie sich, werden wieder länger, senden wieder Äste aus, schlängeln und verwirren sich wieder und bilden bei ihrer Ankunft am Zentralkörper genau ein Netz wie vordem. Um sie verdichtet sich die Kernmasse zum Kern, Kernkörper und Kernhaut erscheinen wieder, das rosafarbene Unternetz schimmert aus der Tiefe hervor. Während dieser Trennungsfahrt der Schleifenhälften schnürt sich hinter ihnen das Plasma ein und ab, aus der einen Zelle sind zwei geworden, die Teilung ist vollendet.
Der Sinn dieses vielverschränkten Schauspiels liegt offen zutage. Im „Kernpunkt” aller Szenen steht die Längsspaltung der Schleifen, die sich aus der Farbmasse des Kerns, dem Chromatin, gebildet haben. Die Farbmasse Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle. Sie ist durch die Sammlung aller edlen Stoffe des Plasmas in der geschützten Zellmitte entstanden, sie ist die Trägerin der höchsten Zelleigenschaften und Zellfähigkeiten, der Atmung und Verdauung, der Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsstoffe in Plasma, des Wachstums und der Fortpflanzung. Das Chromatin ist die Erbmasse des Zellorganismus. Dieses Chromatin genau zu halbieren und so die Eigenschaften und Fähigkeiten der Mutterzelle auf die beiden Tochterzellen gleichmäßig zu vererben, ist der Zweck des ganzen Teilungsmechanismus. Der verwickelte Ablauf der Zellteilung ist nichts anderes als ein Akt der Gerechtigkeit. Der Titel des Schauspiels, das sich zugetragen, heißt „Die gerechte Erbschaft”. Mit jener Umständlichkeit, die allen gerechten Teilungen einer reichen und vielgestaltigen Erbschaft anhaften muß, werden die Chromatinkörner gesammelt, aneinandergereiht, so daß ein langes Band aus ihnen entsteht, wird dieses Band zu einem Knäuel geschlungen, gleichsam gemischt, und dann in einzelne gleich lange Bandstücke geschnitten; diese sondern sich voneinander, indem sie sich umbiegen und Schleifen bilden, die sich in einem geordneten Kreis ausbreiten. Und nun, es könnte sich ja doch ein Fehler eingeschlichen haben, werden die einzelnen Bänder nochmals zerschnitten, aber diesesmal nicht wie das erste quer in zwei halb so lange Stücke, sondern der Länge nach in zwei halb so breite Streifen, so daß nun jede Tochterzelle nicht die Hälfte der Schleifen, sondern von jeder Schleife die Hälfte erhält, — kann eine Erbschaft gerechter unter zwei Kinder verteilt werden als das Chromatin der Mutter auf die beiden Töchter bei der Teilung der Zelle?
Strenge Erbschaftsgesetze beherrschen die Teilung. Jede Tier- und Pflanzenart bildet in ihren Zellen eine bestimmte Zahl von Schleifen. Es bilden: