Doch damit nicht genug. Leduc verrieb etwas Tusche in Salzwasser und ließ davon einen Tropfen auf eine Glasplatte fallen. Zu beiden Seiten des Tropfens legte er je einen Tropfen einer stärkeren Salzlösung. Wenn sich die drei Tropfen berühren, so beginnen die beiden äußeren infolge der größeren Stärke ihrer Lösung die Tusche aus dem mittleren in sich hineinzuziehen, und zwar — wie merkwürdig! — zu genauen Hälften durch eben jenen komplizierten Halbierungsmechanismus, durch den die Farbmasse des Kerns bei der Zellteilung halbiert und auseinandergezogen wird. Es bildet sich eine Strahlungsfigur, die Tuschekörner sammeln sich zu einem Knäuel, bilden einzelne Stränge, die sich haarnadelförmig biegen und so den Chromatinschleifen täuschend ähneln, diese bilden eine sternförmige Figur, sollen sich sogar längs teilen wie die Kernschleifen und wandern dann zu den beiden Polen der Spindelfigur auseinander (Abb. 18, [Tafel V]).
Abb. 19. Flüssige Kristalle (nach O. Lehmann) bewegen sich wie Lebewesen.
Diese Leducsche Figur ist nur eine Einzelheit aus einer ganzen Welt überraschendster Ähnlichkeiten, die in den letzten Jahren zwischen rein mechanischen Vorgängen und Lebensprozessen aufgefunden wurden. Neben Leducs osmotischen Versuchen, die in wunderbarer Naturtreue die Bildung von Zellen, Kieselschalen, Kalkgehäusen, das Wachstum von Bazillen, Algen, Pilzen und Farnen vorführen, ist es vor allem die nach 30jähriger Kolumbusfahrt durchs Meer des Mikrokosmos von Otto Lehmann entdeckte neue Welt der flüssigen Kristalle, die als das aufgefundene Zwischenreich zwischen der toten und lebendigen Natur die Gemüter der Gelehrten heute mit nicht geringerem Staunen füllt als seinerzeit die märchenhaften Tier- und Pflanzenwunder Amerikas die Geister Europas bewegte. Die flüssigen Kristalle sind im Gegensatz zu den bekannten starren flüssig und beweglich. Sie fließen dahin wie kriechende Amöben oder schlängeln sich wie Bakterien wurmförmig und korkzieherartig, sie fressen, wachsen, vereinigen und vermehren sich wie niedere Lebewesen. Abgebrochene Teile ergänzen sie durch Wachstum ([Abb. 19] u. [20]).
Abb. 20. Teilung a eines Bakteriums, b eines flüssigen Kristalles (nach Verworn und Lehmann).
Osmotische Figuren und flüssige Kristalle sind nicht leicht darzustellen. Dagegen kann sich jeder Amöbenbewegungen eines toten Stoffes vorführen, wenn er einen Tropfen ranzigen Öles auf Wasser fallen läßt, das etwas Kalilauge enthält. Durch die Bildung löslicher Seife am Rande verliert der Tropfen seine Kugelgestalt und kriecht infolge der gestörten Oberflächenspannung über die Wasserfläche dahin wie eine Amöbe. Noch interessanter ist der Schellack fressende Chloroformtropfen. Bringt man ein mit Schellack überzogenes Glasstäbchen in die Nähe eines Chloroformtropfens, so saugt dieser den Stab in sich hinein, wie eine Amöbe oder menschliche Wanderzelle Algen- und Bazillenstäbchen frißt, befreit durch Lösung des Schellacks das Stäbchen von seinem „nahrhaften” Überzug und stößt den abgefressenen Glasstab wie die Amöbe eine leere Algenschale aus ([Abb. 21]). Auch auf die Ähnlichkeit der Strahlungsfigur im Plasma mit magnetischen Kraftfeldern ist oftmals hingewiesen worden.