— eine Kolonie punkthaft kleiner Tierchen, die nicht du sind und denen du nicht zu befehlen hast, sondern die dir befehlen und dich heißen, das zu tun und das zu sein, was sie sind. Sterne wiegst du in den Nächten, malst Madonnen, lockst aus Saiten Symphonien, den Adler stürzt du aus den Lüften und die Zeder neigt vor dir die Wipfel, — und in dir selber bist du eingekerkert in die Zelle eines Pünktchens, das zu klein ist, daß dein Aug es sähe, und zu fein, als daß dein Fuß es träte, und doch dein so wenig achtend, daß es nicht den flehendsten Wunsch dir ablauscht und nicht die bescheidenste Bitte dir erfüllt. Wie es lebt, so mußt du sein, und wenn es stirbt, so mußt du sterben, ob auch Locken deine Stirn noch schmücken und du noch mit offenem Munde nach den Wonnen dieses Lebens langst, denn das Pünktchen, dieses fremde, eigenlebende, dir nicht dienende und dein nicht achtende Pünktchen, die Zelle, das bist du! Du großer, kleiner Mensch! Du armer Reicher! Soll ich vor dir niederknien und dich preisen, daß du so groß bist, oder mein Haupt verhüllen und dich beweinen, daß du so elend, du wunderlicher Sohn des Chaos? Du wandelnder Widerspruch! Zellenherr und Zellenknecht!
Die Amöbe ist eine Einzelzelle. Sie ist ein Einsiedler, der allein gestellt seine Tage verbringt und alle Notwendigkeiten des Lebens selbst verrichtet. Weitaus die meisten Wesen der Welt sind Einzeller. In einem Wiesentümpel leben ihrer mehr und vielleicht ebenso verschiedene wie die ganze Nordsee an Vielzellen beherbergt. Trotz ihrer einzelligen Natur haben sie sich hoch über ihre Stammesmutter, die Amöbe, entwickelt und ihre eine Zelle in so wunderbarer und den großen Geschöpfen ähnlicher Weise ausgebildet, daß man sie früher nicht für Zellen, sondern für verkleinerte Tiere mit Augen, Gedärmen, Knochen und Gehirn gehalten hat. Sie haben sich Schutzdecken gebaut, Panzer von oft bezaubernder Schönheit, Füßchen, Wimpern, Fühler, Schwänze, Stacheln ausgestreckt, Hohlräume, Furchen, Kanäle, Säume, Muskelfasern, Stiele, Rippen, Augenflecke gebildet, so daß Fülle und Buntheit der Formen und des Lebens das Reich der Einzeller zu einem geradezu phantastischen Paradies gestalten, in das man durch jeden Tropfen Wassers aus Teich, Tümpel, Fluß, Aquarium, Blumenglas und Heuaufguß hineinschauen kann und zu dessen Studium ein ganzes Menschenleben nicht hinreicht. Die Bakterien, die jedes Winkelchen der Erdoberfläche in unaussprechlichen Scharen bevölkern, die Kieselalgen, die weite Strecken Landes überdecken, die Pilze der Hefe, die Aufgußtierchen (Infusorien), die herrlichen Strahlentiere (Radiolarien), die Haeckel aus der Tiefsee fischte, und die Kreidetiere, die den Jura aufbauen, sind Einzeller.
Neben dieser Einzelausbildung tritt schon frühzeitig eine andere Art der Vervollkommnung und Schutzwehr auf, die Zellvereinigung, so wie im Menschenreich neben den Einsiedlern und Raubrittern die Zünfte sich entwickelten. Als ein Urtrieb offenbart sich schon auf niederster Stufe die Sehnsucht nach Verkettung, Familienbildung, Gesellschaftsleben. Amöben einfachster Art fließen zusammen und bilden Amöbenverbände; die Lohblüte auf der Gerberlohe, an der Reinke seine Plasmauntersuchung vornahm, ist ein solcher Verband von Amöben (Abb. 22a, [Tafel VII]).
Sobald die Zellen eine feste Gestalt angenommen haben, können sie nicht mehr einfach zusammenfließen wie die tropfenhaften Amöben. Sie können sich nur aneinanderlegen, zusammen hausen und Kolonien bilden wie nebeneinander wohnende Menschen. Das reizende Glockentierchen (Vorticella) wohnt in solchen Kolonien, wie sie Ehrenberg, der Altmeister der Infusorienforschung, in nebenstehendem Bilde gezeichnet hat ([Abb. 22b]).
Abb. 22b. 1. Stufe der Zellengemeinschaft: Offene Kolonie durch gemeinsamen Wohnsitz (Glockentierchen).
Jedes dieser Glöckchen ist eine Zelle, die aus einer Plasmaglocke mit Wimpersaum und einem Stiel besteht, der sich wie eine Spiralfeder zusammenrollen kann. Am äußersten Rande der Kolonie sitzt ein einzelnes Tier. Wie eine Tulpe schwebt das Glöckchen auf dem Stiele, die Wimpern seines Saumes schlagen rhythmisch im Kreis und erzeugen einen Strudel, in den kleine Tierchen hineingewirbelt werden, um für immer in dem zwar schönen, aber gefräßigen Kelch zu verschwinden. Da kommt ein hungriger Feind, ein Kesseltier, herangerudert. Wie ein Raubtier stürzt es sich auf das einsame Glöckchen, und ehe wir recht erkennen, was geschieht, hat der Unhold wie ein Knabe eine Distel die Glocke von ihrem Stiel gerissen und verschlungen. Dicht daneben schlägt die zwanzigzellige Kolonie als ein wahrer Baum des Lebens mit tausend Wimpern. Das Kesseltier stürzt beutelustig auch auf seine Glocken, aber da packt es der Strom des strudelnden Baumes, und nur mit Mühe entrinnt es der Charybdis. So bewährt sich die Macht der Einigkeit. Der Strudel der zwanzig Glockentiere ist zwanzigmal stärker in der Herbeischaffung der Nahrung, zwanzigmal stärkere Tiere werden von jeder einzelnen Glocke gefangen, und naht ein Feind, so wehren zwanzigfache Kräfte seinen Angriff ab.