So lebt der Zellenstaat in gigantischer Größe, Schönheit und Vollkommenheit ein ideales Leben des tätigen Friedens und der bürgerlichen Eintracht. Aber auch im Reich der Zellen gibt es Feinde und Gefahr, Kämpfe und Kriege, gegen die der Großstaat durch ein stets wehrbereites Heer sich wappnet. Die Kriegskaste des Zellenstaates sind die Wanderzellen (Leukozyten), die in der Milz, den Lymphdrüsen und den weitverbreiteten Lymphgeweben geboren werden. Aus diesen wandern sie, als einzige von allen Zellen frei beweglich, frühe aus und führen in allen Gängen, Gassen und Plätzen des Zellenlandes ein abenteuerreiches Amöbenleben. In den Tagen des Friedens sind die Wanderamöben die Polizei des Zellenstaates. Wie der Polizist in den Straßen unserer Städte auf und nieder geht und überschaut, ob alles Leben sich im Sinn der Staatsgesetze vollzieht, so wandern die Zellpolizisten Tag und Nacht in den Aderstraßen, den Lymphwegen, auf den Plätzen zwischen den großen Organen, in den Hohlwegen der Gelenke und in den Schächten der Drüsen wach- und regsam umher. Nicht als Müßiggänger; vielseitig sind ihre Aufgaben und Arbeiten. Sie sind Straßenreiniger: wo sie einen Abfall sehen, der nicht in die Gosse lief, packen sie ihn und tragen ihn fort. Ist ein Fremdkörper eingedrungen in den Zellenstaat, liegt ein Splitterchen unter der Haut, ein Krümchen in der Gurgel, ein Fäserchen zwischen den Zähnen, ein Sandkörnchen in einer Falte des Darms, so laufen sie von allen Seiten herbei, spritzen Laugen und Säuren über ihn, daß er sich löse, oder nagen an ihm und fressen ihn auf, oder brechen ihn, wenn dies nichts fruchtet, unter Hilfe ganz besonders athletenhafter Riesenzellen Stück für Stück ab und tragen die Bröckchen davon, oder sie bahnen schließlich, wenn auch dies nicht möglich, wie Schneeschaufler im Winter eine Gasse durch das Gewebe, indem sie dieses zerstören, und „eitern” ihn so heraus. Sitzt er aber zu fest oder tief, so mauern sie ihn mit Kalk und Mörtel als „Narbe” in das Gewebe ein. In den Zeiten starker Einfuhr unterstützen sie den Verkehr als Lastträger beim Transport der Waren aus dem Darm in die Gewebe. Zu Millionen eilen sie nach der Mahlzeit aus allen Provinzen des Reiches an das Ufer des Darmkanals, nehmen das Fett der Nahrung in feinsten Tröpfchen in sich auf, wandern damit in die Adern und Lymphgänge, stürzen sich in den fließenden Strom und schwimmen fettbeladen in die Gewebe, wo sie ihre Fracht wieder abgeben. Endlich sind sie noch die Totengräber des Zellenstaates. Wo eine Zelle stirbt, eilen sie hin. Menschliche Sentimentalitäten sind dem Zellenstaate fremd. Die Leichen werden nicht mit Pomp und Reden begraben und nicht verbrannt, sondern als wertvolles Wirtschaftsmaterial wie die Tierkadaver in unseren Abdeckereien verwertet. Die Totengräber fressen die Leichen, und so kommt diesem Idealstaat der praktischen Wirtschaftsführung das Material der toten Zelle, das er der lebenden vorher gespendet, wieder zugute als Kraft und Stoff für neue Zellen, neues Leben.

In den Tagen der Gefahr dienen die Wanderzellen ihrem Vaterland als ein erprobtes Kampfheer von gewaltiger Schlagkraft.

Durch eine Schnittwunde der Haut wurde die Grenze des Reiches durchbrochen. Feinde des Staates, Bakterien, sind durch die Bresche in den Festungsgürtel eingedrungen. Sie morden die Zellen der Grenzwacht, besetzen die Ufer der Adern und mästen sich an dem rot fließenden Gold des Blutes und den warmen Nahrungssäften der vielverzweigten Lymphkanäle. Die Signalstationen der Haut senden Schmerzdepeschen an das Ministerium der Empfindung. Die Wunde brennt und pocht wie das Tickwerk eines läutenden Alarmapparates. Das Ministerium verkündet die Mobilmachung, und eine in des Wortes wahrstem Sinne fieberhafte Tätigkeit bemächtigt sich des ganzen Staates. In allen Werkstätten beginnt die Herstellung des Kriegsmaterials. Alle Essen werden geschürt, in allen chemischen Drüsenfabriken werden Abwehrstoffe hergestellt, das Herz schlägt schneller, die Lunge atmet hastig, um die Sauerstoffzufuhr zu erhöhen, durch die gesteigerten Verbrennungen in allen Arsenalen und Hochöfen, durch die vermehrte Reibung des rascher strömenden Blutes steigt die Innenwärme über das gewöhnliche Maß, das flammende Signal des Krieges im Zellenstaat leuchtet empor: das Fieber. Dem Übermaß der Wärme zu steuern und die gewaltig anschwellenden Massen giftiger Schlacken aus allen Betrieben zu entfernen, pumpen die Drüsen der Haut wahre Ströme schlackenbeladenen Schweißes aus dem Organismus. Aller Außenhandel wird gesperrt. Die Einfuhr liegt lahm: es fehlt der Appetit. Die Ausfuhr ist unterbrochen: der Darm ist träge. Das Gehirn erhält nur wenig Blut: der Kranke ist schläfrig und matt, das geistige Leben muß ruhen. Inter arma silent artes.

Während so in allen Werken mit Hochdruck die Waffen geschmiedet werden, gehen Mobilisation und Aufmarsch der Armeen vonstatten. In allen Landesteilen werden die Zellsoldaten ausgehoben. Die Riesenkaserne Milz schwillt an, ruft Seitenstechen des Fiebernden hervor. In den Rekrutendepots des Knochenmarks werden die neuen Soldaten ausgehoben, das Mark wird zellenreich und füllt die Knochen, daß der Kranke eine bleierne Schwere in allen Gliedern verspürt. Die Zellbesatzungen der Lymphdrüsen in der Umgebung des angegriffenen Platzes verstärken sich: die Drüsen schwellen an und schmerzen. Um die Heere der Wanderzellen aus dem Innern des Landes an den Kriegsschauplatz zu befördern, öffnen sich die Blutkanäle und Lymphstraßen, die zum Kampfplatz führen: das verletzte Glied wird blutvoll, rot und heiß: es entzündet sich.

Am Kampfplatz angekommen, wandern die Zellsoldaten durch die feinen Lücken der Adern aus dem Blute heraus und eilen dem Feinde entgegen. Von ihren Legionen erfüllt, schwillt das Gewebe. Und nun entspinnt sich unter dem Bilde der Entzündung ein Kampf, der an Strategie der allgemeinen Führung wie an spannungsreichen Einzelheiten den Völkerschlachten der Menschenkriege nicht nachsteht.

Mit allen Mitteln und Waffen vollzieht sich der Kampf Masse gegen Masse und Mann gegen Mann. Infanteristen greifen die Feinde an. Die einen gehen gegen ihre Gegner los, überfließen sie wie Amöben die Algen und fressen sie. Andere opfern heldenhaft ihr Leben dem Wohl des Vaterlandes, indem sie sich mit den Leibern ihrer Feinde füllen und dann von ihnen und ihren Giften vernichtet mit ihnen sterben. Wieder andere erzeugen Gifte in sich und spritzen sie aus über ihre Gegner, die ihm zu Haufen erliegen wie die Menschen den Dämpfen giftiger Gase (Abb. 23, [Tafel VIII]).

Währenddes sind die Pioniere in den rückwärtigen Linien beschäftigt Stellungen zu bauen, Dämme, Barrikaden aufzuschichten, daß der Feind nicht durchbreche, wenn er die Übermacht gewinnen sollte im Kampf, Anmarschstraßen zu bahnen für die aufmarschierenden Armeen und eine freie Bahn zu schaffen, durch die man den geschlagenen Feind aus dem Reiche vertreiben könne. Wie im Menschenkriege fallen auch hier die vom Unglück betroffenen Bewohner des Kriegsgebietes den rauhen Notwendigkeiten der Strategie zum Opfer. Ihre Häuser werden zerstört, sie selbst getötet oder vertrieben. Unbarmherzig für sie, aber wohltätig für die Gesamtheit ebnen die Pioniere unermüdlich das Gelände, indem sie es durch ätzende Verdauungssäfte zerstören, bis die ganze Wundgegend flüssig wird, und eines Tages bricht die Gasse nach außen durch, und der große strategische Zweck ist erreicht: als Eiter werden die Leichen der erlegenen Zellsoldaten und mit ihnen Myriaden lebender und toter Bazillen, werden alle zersetzenden Säfte und Leichengifte, wird das ganze Schlachtfeld mit seinen Trümmern und Fetzen ausgestoßen — eine Erlösung für den von den Giften und Fiebern, den Schmerzen und Schrecken des Zellenkampfes gepeinigten Kranken. Wie ein Land nach einer großen Vertreibungsschlacht des eingefallenen Feindes atmet er auf.

Aber noch ist der Krieg nicht entschieden; nur eine Schlacht ist gewonnen. Noch wochenlang kann sich der Kampf auf der Walstatt der eiternden Wunde hinziehen. Wie im Völkerleben gibt es ungestüm geführte, kurze Schlachtenkriege mit rasch erweichenden Wunden, brennendem Fieber, rasenden Schmerzen und baldiger Erlösung; gibt es langsam und schleichend sich hinziehende Dauerkriege ohne stürmische Kämpfe, die mit den Mitteln der Blockade durch Unterbindung der Nahrungseinfuhr und Handelsausfuhr, durch Appetitlosigkeit und Darmverhaltung, durch langsamen Knochenfraß an den Markfinanzen des Reiches, durch Verbrauch der Fettbestände des Reichshaushaltes, durch Auszehrung und schließlich durch Erschöpfung der Nervenregierung unter dem Einfluß der schleichenden Gifte bis zur Entscheidung ausgefochten werden. Siegen die Heere und Kräfte des Zellenstaates, so endet der Kampf mit der Vertreibung der Bakterien. Das verwüstete Schlachtfeld wird von den Pionieren durch Aufbau von Narbengewebe wiederhergestellt. Siegen aber die eingedrungenen Bakterien, so geht entweder dem Zellenstaat die vom Feind besetzte Provinz verloren: das Glied stirbt ab; oder die Heere der Gegner brechen siegreich in die verteidigten Dämme der Blutbahn ein und überschwemmen das Reich wie einst die Hunnenheere Europa, und der Zellenstaat findet unter der Fremdherrschaft der Bakterien durch Blutvergiftung einen vorzeitigen Tod.

So lebt der Zellenstaat der 30 Billionen unseres Leibes. Wie im Menschenstaat gibt es in ihm Volk und Regierung, Kasten und Berufe, Rechte und Pflichten, Handel und Industrie, Wirtschafts- und Geistesleben, Wehrmacht, Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage. Wie im Menschenstaat werden in ihm täglich Tausende geboren, sterben in ihm täglich Tausende von Bürgern. Jeder einzelne lebt in ihm sein kleines Einzelschicksal, ein schaffendes Glied in der Kette der Gesamtheit, der Staat als Ganzes aber geht unbekümmert und erbarmungslos über ihn seinen großen historischen Gang, der wie die Geschichte jeder Nation dieser Erde nach allem Werden, Sein und Siegen zuletzt einmündet in das unabwendbare allgemeine Endschicksal des Todes. Und die große Geschichte dieses 30-Billionen-Staates von Zellen ist unser Leben.

Ordentliche Veröffentlichungen des Kosmos (12 Hefte und 4 Buchbeilagen jährlich M 9.60, in Österreich-Ungarn nach Kurs) 1919, Band IV.
Für Österreich-Ungarn für Herausg. u. Red. verantwortlich Th. Reiß, Wien III.