Im Anfang war die Erde wüst und leer. Wahrscheinlich befand sie sich zuerst in einem feuergasigen Zustande, wie heute die Sonne, und kühlte sich allmählich ab. Hierdurch sammelten sich, ihrer Schwere folgend, die gasigen Elemente immer dichter um den Mittelpunkt des Planeten, zuerst die schwersten, die wahrscheinlich heute einen festen Kern zusammengepreßten Gases bilden, um sie die leichteren, die sich der Reihe nach aus dem Gaszustand in den dampfförmigen, aus diesem in den flüssigen und aus dem flüssigen in den festen niederschlugen. So mag das Eisen in der Urzeit in glühenden Nebeln sich gesenkt und dann Meere flüssigen Erzes gebildet haben; Inseln leichterer Metalle schwammen in ihm, bis sie im Magma der schweren Flut haften blieben. Eisberge von Silizium mögen in Kristallgebirgen gegen den Himmel geragt haben; Kalium und Natrium lohten in Vulkanen durch die Nacht; glühende Wolken grünlichten Phosphors schwebten phantastisch über die Horizonte der Dämmerung. Schließlich senkten auch diese leichteren Elemente sich als Nebel und Reif über die erstarrten Meere und metallenen Seen. Kalium und Natrium, Magnesium und Kalzium, Phosphor und Schwefel, Silizium und Aluminium schichteten sich über die erkalteten Riffe von Erz und decken sie heute als Granit und Gneis, Basalt und Schiefer, Porphyr, Sand und Ackererde. Über ihnen schweben noch jetzt als Gase die letzten leichten Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Auch sie sind im Begriff, sich niederzuschlagen und so den millionenjährigen Prozeß der Erderstarrung zu vollenden. Schon ist ein beträchtlicher Teil ihrer Masse von den niedergegangenen Metallen gebunden und im Boden zu Stein geworden; Wasserstoff und Sauerstoff haben sich vereint zu Wasser, das durch die verschiedenen gasigen, flüssigen und festen Zustände dahinschwingt als Wasserdampf und Wolke, Regen, Schnee und Eis und uns so in Wandel und Verwandlung das imposante Schauspiel des Niederschlags der Elemente vorführt, ein tägliches memento mori des Planetenlebens.

Das Schauspiel nähert sich seinem tragischen Ende. Aber gerade der 4. Akt ist der Höhepunkt der Handlung. Je tiefere Temperaturen nämlich die Elemente bei diesem Abkühlungsprozeß erreicht haben, um so zahlreichere und innigere Verbindungen gehen sie untereinander ein, und gerade die gemäßigte Temperatur der Gegenwart ist die goldene Zeit der Verschwisterung und Entbindung, des Wandels und der Verwandlung der Stoffe und Kräfte. Während in den glühenden Gasen die Atome einzeln hin und her schwingen, verketten sie sich bei Abkühlung in Dämpfen und Flüssigkeiten zu Atomverbänden, den Molekülen, und die Moleküle verbinden sich bei weiterem Temperaturabfall zu chemischen Verbindungen. Und gerade jene vier Elemente, die heute, im Begriff sich niederzuschlagen, die Oberfläche des Planeten als Ackerkrume, Wasser und Luft bedecken, der Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff besitzen in höchstem Maß Fähigkeit und Neigung, Verbindungen unter sich und mit anderen Elementen einzugehen. Der Kohlenstoff vor allem hat durch seine einzigartige Fähigkeit, nicht nur einzelne chemische Körper zu bilden, sondern diese wiederum zu verketten und so im lebendigen Einmaleins ganze Reihen von immer höheren chemischen Verbindungen zusammenzustellen, eine derartige Fülle neuartiger und beweglicher Stoffe hervorgebracht, daß man die heutige irdische Welt geradezu als eine Kohlenstoffwelt bezeichnet hat. In dieser sind drei große Reihen von chemischen Körpern für die Entstehung des Lebens bedeutsam geworden. Aus dem Grubengas Methan bildeten sich durch Verkettung der Moleküle auf der einen Seite die Alkohole (Spiritus, Glyzerin), auf der anderen die Säuren (Fettsäuren); durch die Verkettung des Glyzerins mit den Fettsäuren entstanden die Fette. Durch Anschluß von Phosphorverbindungen an diese traten die hochbedeutsamen Phosphorfette, wie das Lezithin, auf. Aus den Fettsäuren bildeten sich durch Aufnahme von Ammoniak die Ammoniak- oder kurzweg Aminosäuren und durch Verkettung dieser als zweite Gruppe die Eiweißkörper. Als dritte Gruppe gingen aus der Kohlensäure die Zucker- und Stärkestoffe, die Kohlenhydrate, hervor, zuerst die niederen, Zucker, dann die höheren, wie der Traubenzucker, und aus diesen durch Verkettung als höchste Kohlenhydrate, die Dextrine, Stärken und Zellulosen.

Heute bilden sich diese höheren Kohlenstoffverbindungen, die Fette, Eiweißkörper und Kohlenhydrate, unseres Wissens nicht mehr frei in der toten Natur, sondern nur noch im Leib der lebenden Geschöpfe: die Bedingungen auf Erden haben sich völlig verändert. Aber wir müssen mit Bestimmtheit annehmen, daß sich einst unter ganz anderen Umständen der Wärme- und Stoffverhältnisse diese hohen Verbindungen im Lauf unvorstellbarer Zeiträume und unausdenklicher Geschehnisse stufenweise aus niederen Verbindungen gebildet haben. Wir müssen diese Entwicklung, deren Einzelheiten wir uns heute nicht mehr auszumalen vermögen, auf Grund aller Erfahrungen und Vernunftschlüsse ebenso notwendig als ein historisches Geschehnis voraussetzen wie die mechanische Entstehung des Sonnensystems oder der Wasserfälle, Gewitter und Vulkane.

Nachdem sich so aus den Gasen die Dämpfe, aus den Dämpfen die Flüssigkeiten und aus diesen die festen Körper und damit aus den Elementen die Verbindungen, aus den niederen Verbindungen die höheren und aus den Kohlenstoffverbindungen als höchste, die Fette, Eiweißstoffe und Kohlenhydrate gebildet hatten, was war nun natürlicher, als daß die Weltentwicklung auf diesem Weg der Sammlung folgerichtig weiterschritt? Daß nun auch diese höchsten chemischen Stoffe, die Fette und die Phosphorfette, die Eiweißkörper, die Zucker und Stärkestoffe, sich wieder zusammensetzten und eine noch größere, noch höhere, feinere und fähigere Organisation von Molekülen aufbauten? Diese Organisation der höchsten Kohlenstoffverbindungen, der Eiweißkörper, Fette und Kohlenhydrate mit dem salzhaltigen Meerwasser und einer Reihe niederer Verbindungen ergab ein ganz neues Gebilde mit Eigenschaften und Fähigkeiten, wie sie bisher in der Natur kein anderer Stoff vereinigt hatte; es entstand das Plasma, ein Stoffgebilde, das lebte. Das Leben auf Erden war geboren.

Das Plasma ist keine chemische Verbindung wie Schwefelsäure, Fett oder Eiweiß, es ist auch kein Gemisch von Stoffen, sondern ein System höchster chemischer Verbindungen mit einer Reihe von niederen Körpern. Das Wort Stoff, schon viel zu grob für das feingegliederte Molekülsystem eines Phosphorfettes oder höheren Eiweißkörpers, ist für das Plasma so unangebracht, als wollte man das Sonnensystem einen Stoff benennen. Das Plasma ist ein System, eine Organisation. Da es ein Gebilde ist, das gleich dem Sonnensystem durch Verkettung bewegter Teile entstanden ist und sich genau wie dieses in dauernder innerer Bewegung befindet, so kann man es als einen Mechanismus bezeichnen. Das Plasma ist ein dauernd bewegter chemischer Mechanismus. Die Gesamtheit seiner Bewegungen bezeichnen wir als Leben.

Atome und Moleküle sind zu klein, als daß wir ihre Organisation erkennen könnten. Die Organisation der Moleküle zu Plasma dagegen ist so groß, daß wir sie unter dem Mikroskop wahrnehmen können. Diese äußerlich sichtbare Gestalt der Organisation Plasma ist die Zelle. Die Zelle ist eine Plasmamaschinerie, deren Lauf das Leben ist. So wenig man andere Maschinerien, etwa Taschenuhren oder Lokomotiven, pfundweise oder nach Metern berechnet, so wenig kann man Plasma in beliebigen Mengen, wie etwa Schwefelsäure oder Eiweiß, finden, sondern, wo Plasma auftaucht, sehen wir es, wie alle Maschinerien, in fest umgrenzten einzelnen Gebilden. Diese Gebilde sind die Zellen. Nur Plasma kann leben; und da alles Plasma nur als Zelle auftritt, so ist alles Leben an einzelne kleine, abgegrenzte Zellen gebunden. Alles Leben ist Zellleben. Alle größeren lebenden Gebilde müssen sich aus einzelnen kleinen, für sich lebenden Zellen zusammensetzen.

Die einfachste und niederste Form der Zellen sehen wir in der heutigen Welt als Urtiere oder Amöben leben. In jeder Straßengosse, jedem Tümpelgrund, in der feuchten Gartenerde, im trüb gewordenen Wasser der Blumenvase findet man mühelos diese Amöben. Sie sind so groß, daß man sie mit unbewaffnetem Auge in günstiger Belichtung eben als kleinste Pünktchen wahrnehmen kann. Unter gewissen Umständen fließen manche Arten von Amöben zusammen und bilden dann greifbare Massen einfachsten Plasmas, die für Untersuchungszwecke ein dankbares Material darstellen. So entwickeln sich auf der braunen Lohe, die beim Gerben des Leders abfällt, namentlich zur Frühlingszeit gewisse Amöbenarten, die zusammenfließen und dann in buttergelben Massen als Lohblüte sich dahinwälzen. Diese Lohblüte kann man in einem Glase zwischen faulenden Blättern wochenlang am Leben erhalten und beobachten. Der bekannte Botaniker Reinke stellte an dieser Lohblüte seine Untersuchungen über die chemische Natur des Plasmas an, und es gelang ihm, aus dem eingetrockneten Plasma dieses einfachsten Lebewesens der Welt folgende Verbindungen herauszulesen:

Welch eine Fülle kompliziertester Stoffe! Welch eine Welt chemischer Verbindungen im Leib des einfachsten aller Lebewesen! Wer nur einmal diese Reihe der Plasmastoffe an seinem Auge vorüberziehen ließ, wird für alle Zeit befreit sein von dem Irrtum, daß das Plasma eine chemische Verbindung sei, er wird es nie mehr, wie es fast allgemein geschieht, mit Eiweiß verwechseln und der eingewurzelten Irrlehre huldigen, Eiweiß könne leben. Es gibt kein „lebendes Eiweiß”! Mit demselben Recht könnte man behaupten, das Eisen könne laufen, weil man aus Eisen Maschinen baut. Eiweiß ist einer der Rohstoffe für das Plasma, wie das Eisen der unserer Maschinen ist. Eiweiß verhält sich zu Plasma wie ein Stahlblock zu einer Schnellzugslokomotive.

Trotz ihrer imposanten Zahl sind die aufgeführten Stoffe nur die kümmerlichen Bruchstücke der zerstörten Maschinerie. Ihre wahren Verbindungen im Innern des Plasmas, ihre gegenseitigen Verknüpfungen und Beziehungen zum Ablauf des Lebens sind uns fast völlig unbekannt. Durch die chemische Untersuchung ist das Wesen des Plasmas überhaupt nicht zu ergründen, denn nicht in seinen Stoffen, sondern in seinem Gefüge liegen Macht und Geheimnis des Plasmas verborgen. Das Plasma ist eine Organisation, eine Maschinerie, und indem man bei der chemischen Zerstückelung das Gefüge des Plasmas zerstört, vernichtet man auch das Geheimnis seines Wesens. Das lebende unversehrte und das vom Chemiker gewaltsam abgetötete Plasma sind so verschieden, wie ein sprühendes und glühendes Feuerwerk und die Pulverasche und Papierfetzen, die nach seinem Abbrennen übrig bleiben, wie ein bunt bewegtes Theaterstück und die Kulissen und Kostüme, die nach der Vorstellung auf der Bühne herumliegen. Wer aus Tiegeln und Retorten das Geheimnis des Lebens ergründen will, gleicht einem Wilden, der das Rätsel der daherfauchenden Lokomotive zu lösen sucht und sie einschmilzt, um aus den Schlacken die Mechanik ihres Laufes zu lesen. Gäbe es die Geisterwelt der Dichter, so müßte dem Forscher, der im Kolben dieses Plasma zerkocht, um das Lebensrätsel zu lösen, wie weiland Faust der Lebensgeist erscheinen und sich von neuem das unsterbliche Zwiegespräch entspinnen: